Huizingas Romantik-Begriff ist der Geistesgeschichte des frühen 19. Jahrhunderts ent¬ lehnt. Er projiziert die Sehnsucht der Romantiker nach einer verehrungswürdigen Ver¬ gangenheit ins späte Mittelalter zurück, das Huizinga mit großem erzählerischen Geschick als Epoche des Verfalls und der Dekadenz schildert. Wie sehr Huizinga das Spätmittelal¬ ter abwertet, mag ein weiteres Zitat zeigen: „Der ritterliche Gedanke des fünfzehnten Jahrhunderts schwelgt in einer Romandk, die durch und durch hohl und verschlissen ist“.” Unverkennbar inspiriert haben Huizingas Ausführungen den Soziologen Norbert Elias, der in seinem Buch über die „Höfische Gesellschaft“ auch auf die sogenannte „höfische Romantik“ zu sprechen kommt. Für diesen von Germanisten mitunter etwas über Ge¬ bühr hochgeschätzten Autor zeigt die Ritterromantik „das stolze mittelalterliche Krieger- tum im Abendrot der Sehnsucht nach dem freieren selbstherrlicheren Ritterleben, das im Zuge der wachsenden Zentralisierung der Staaten und damit auch der Heeresorganisation schon im Untergehen ist“.11 12 Elias vermißt eine „Zentraltheorie“ romantischer Strömun¬ gen und zaubert sie flugs aus dem Hut: „Konstitutiv für den romantischen Charakter menschlicher Haltungen [...] ist gewöhnlich das Dilemma gehobener Schichten, die zwar an ihren Ketten rütteln, die sie aber nicht abschütteln können, ohne zugleich die gesamte gesellschaftliche Ordnung, die ihnen ihre gehobene, ihre privilegierte Position sichert [...], aufs Spiel zu setzen“.13 Nur wenn man das Rittertum im 15. Jahrhundert als eine zutiefst anachronistische und überlebte Erscheinung betrachtet, ist die Gleichsetzung aller literarischen Texte, die man mit dem Ritterideal in Verbindung bringen kann, und überhaupt der ritterlichen Kultur und ihrer Rituale mit „Ritterromantik“ plausibel. Das Ritterideal wird nicht als gegenwär¬ tiges, sondern als vergangenes, unzeitgemäß gewordenes Wertesystem angesehen, auf das man mit nostalgischer Sehnsucht zurückblickt. Insofern wäre es nur folgerichtig, alle Adelsliteratur des 15. Jahrhunderts — also Literatur von Adeligen oder für Adelige ge¬ schrieben — der „Ritterromantik“ oder „Ritterrenaissance“ zuzuweisen. Damit aber würde der Begriff wertlos. Das Handbuch-Klischee von der spätmittelalterlichen „Adelskrise“ (einschließlich des so¬ genannten „Raubrittertums“) ist durch die Studien der neueren historischen Adelsfor¬ schung eindeutig widerlegt worden. Gewiß hat es den verarmten Niederadeligen gegeben, 11 Ebd., S. 370. Zur Kritik aus der Sicht der neueren Burgund-Forschung vgl. Keen, Maurice: „Huizinga, Kilgour and the Decline of Chivalry“, in: Medievalia et Humanística 8 (1977), S. 1-20. 12 Elias, Norbert: Die höfische Gesellschaft. Untersuchungen %ur Soziologie des Königtums und der höfischen Aristokratie, Frankfurt a. M. 1983, S. 322 im Abschnitt: „Zur Soziogenese der aristokratischen Romantik im Zuge der Verhofung“ (S. 320-393). 13 Ebd., S. 332. Zur Elias-Kritik vgl. jüngst Schwerhoff, Gerd: „Zivilisationsprozeß und Geschichtswissen¬ schaft. Nobert Elias Forschungsparadigma in historischer Sicht“, in: Historische Zeitschrift 266 (1998), S. 561-605. 519