Ritterromantik? Renaissance und Kontinuität des Rittertums im Spiegel des LITERARISCHEN LEBENS IM 15. JAHRHUNDERT Klaus Graf Als Hintergrund der Übersetzungen Elisabeths von Nassau-Saarbrücken wird in der For¬ schungsliteratur unseres Jahrhunderts wiederholt eine kulturelle Bewegung namhaft ge¬ macht, die man mit den Begriffen ,Ritterrenaissance1 4 oder „Ritterromantik“ belegt. So spricht beispielsweise Wolfgang Haubrichs von der „aufkommenden Ritterrenaissance Frankreichs und Burgunds [...], wo man Motive aus ,Perceval‘ in prunkvolle, als Palast¬ schmuck gedachte Teppiche webte“.1 Einen Versuch, die Werke Elisabeths in einen grös¬ seren europäischen Zusammenhang einzuordnen, hat Josef Strelka in seiner ungedruckt gebliebenen Wiener Dissertation von 1950 unternommen: „Feudalromantische Strömun¬ gen in der Renaissancedichtung und ihre Entwicklung“.2 Bei näherer Betrachtung stellt man fest, daß in der deutschsprachigen Forschung ein sehr weiter und ein sehr enger Begriff der „Ritterrenaissance“ mehr oder minder unverbunden koexistieren. Während etwa Strelka alle Dichtungen mit Ritter-Thematik ausnahmslos rit¬ terromantisch nennt, haben sich die unmittelbar einschlägigen jüngeren Arbeiten auf eine kleine Gruppe von Texten konzentriert, und so hat denn auch Bernd Bastert in seiner 1993 erschienenen Dissertation in einem Forschungsüberblick zur Ritterrenaissance ledig¬ lich die Sekundärliteratur zu dem bayerischen Literaten Ulrich Fuetrer Revue passieren lassen.3 Neben Fuetrer hat Christelrose Rischer in einer 1973 veröffentlichten Monogra¬ phie, in deren Titel das Stichwort „Ritterrenaissance“ sofort die Aufmerksamkeit des Le¬ sers auf sich zieht, den bayerischen Adeligen Jakob Püterich von Reichertshausen mit sei¬ nem 1462 datierten „Ehrenbrief4 ergänzend herangezogen.4 Nachdem bereits 1963 Heinz Nicolai in einem Aufsatz die „Mörin“ des schwäbischen Ritters Hermann von Sachsen¬ heim mit Püterich in Verbindung gebracht hatte5 und Kaiser Maximilian I., breiteren 1 Haubrichs, Wolfgang: „Die Kraft von frankrichs wappen. Königsgeschichte und genealogische Motivik in den Prosahistorien der Elisabeth von Nassau-Saarbrücken“, in: Der Deutschunterricht 43 (1991) H. 4, S. 4-19, hier S. 18. Zur Sache vgl. Anm. 70 2 Strelka, Josef: Feudalromantische Strömungen in der Renaissancedichtung und ihre Entwicklung, Diss. masch. Wien 1950, S. 124-126. 3 Bastert, Bernd: Der Münchner Hof und Fuetrers 'Buch der Abenteuer’. Literarische Kontinuität im Spätmittelalter, Frankfurt a. M. u.a. 1993, S. 7-23. 4 Rischer, Christelrose: Literarische Rezeption und kulturelles Selbstverständnis in der deutschen Literatur der „Kitter¬ renaissance“ des 15. Jahrhunderts. Untersuchungen %u Ulrich Fuetrers „Buch der Abenteuer” und dem ,,Lhrenbrief' des Jakob Püterich von Reichertshausen, Stuttgart u.a. 1973. 5 Nicolai, Heinz: „Romantisierende und parodistische Tendenz in der ritterlichen Dichtung des ausgehen¬ den Mittelalters. Ein geschmacksgeschichtliches Problem. Zur Mörin des Hermann von Sachsenheim“, in: Festgabe für Ulrich Pretzel %um 65. Geburtstag, hrsg. von Simon, Werner / Bachofer, W olfgang / Ditt- mann, Wolfgang, Berlin 1963, S. 260-266. Dagegen hatte kurz zuvor Dietrich Huschenbett, Hermann von Sachsenheim. Lin Beitrag %ur Literaturgeschichte des 15. Jahrhunderts, Berlin 1962, S. 92 Sachsenheim von Püte- 517