überboten oder sogar negiert wieder. Insofern die Entwürfe aber die selbstverständlichen ethischen, sozialen und rechtlichen Konvenüonen alltäglichen Handelns voraussetzen, haben sich die Regeln des Handelns wie auch seine Grenzen in die Texte eingetragen, e- benso wie sich Spuren davon eingelagert haben, die historische Identitäts- und Geschlech¬ terkonzepte betreffen. Und weil in mittelalterlichen Texten die den Männern untergeord¬ nete Andersheit der Frauen beharrlich festgeschrieben wird,10 verbinden sich mit Frauen und Männern auch unterschiedliche Maskeraden sowie Kontexte, in die sie integriert sind.11 1. Männer: Bedrohung von Status und Macht In einem ersten Schritt soll nun von Vertauschungen und Verkleidungen die Rede sein, die für Männer entworfen sind. Den weiteren Rahmen für alle diese Geschichten bilden — anders als im Fall der Frauen - Herrschaftskonflikte. Ist der Tausch von Identität Aus¬ druck und Teil von Regel- und Rechtsverletzungen, dann wird die Verkleidung dazu ge¬ nutzt, eine Unrechtshandlung durchzusetzen. Das ist zu unterscheiden von der Vertau¬ schung von Identität, die Schutz und Möglichkeit bietet, einem bestehenden Unrecht bei¬ zukommen. In solchen Fällen ist die Maskerade Bestandteil der Restituierung eines Rechtszustandes, nicht also seiner Zerstörung. In den Epen liegen außerdem unterschied¬ liche Entwürfe der Identitätskonstitution vor, wenn die Demaskierung zum einen über repräsentative und konventionaüsierte Zeichen erfolgt, zum anderen aber auch über Indi¬ zien, die davon unabhängig sind. Besonders an den Geschichten im ‘Herpin’ wird sich ein unverkennbar spielerisches Moment zeigen lassen, das auf Erwartungsdurchbrechung zielt und die Macht äußerer Zeichen irritiert. Doch zunächst zum ‘Loher’, wo sich die Vertauschung der Identität mit unrechtmäßigen Machtansprüchen verbindet, die sich auf eine Störung der vorausgesetzten Ordnung rich¬ tet. Identitätsstiftung erfolgt in diesem Epos vorrangig über äußere Merkmale. Hand¬ lungsgenerierend ist im ersten Teil ein Namenstausch, zu dem Otte, der Sohn König Dansyers, seinen Verwandten Loher überredet, der auf die Initiative der Räte Frankreichs hin für sieben Jahre aus seinem Land vertrieben wurde. Otte sichert ihm Beistand zu, nimmt allerdings das Angebot Lohers, im Kampf gegen die Heiden alles mit Otte teilen zu wollen, nur unter bestimmten Bedingungen an: Ich tun es gerne vnd wil ouch myn Ritterschafft mit ne men ¡Als fern ir myr wolle nt sweren Das ir mir dis lar uwem namen gebent / vnd ir dar gehen mynen namen habent / Das sollent ir vnd alle üwergesellen / mir vff dem heiligen altar Sweren / [das sich uwer keiner diß lar vß niemer anders 10 Das gilt auch für die wissenschaftliche Literatur des Mittelalters, die von einem „Ein-Geschlecht- Modell” ausgeht; vergleiche Laqueur, Thomas: Auf den Leib geschrieben. Die Inszenierung der Geschlechter von der Antike bis Freud. Aus dem Englischen von H. Jochen Bußmann, Frankfurt a.M. / New York 1992, hier besonders S. 79. 11 Ohne die Implikationen der Oppositionsbildungen fortschreiben zu wollen, muß ich im folgenden von Männer- und Frauenrollen reden, denn diese Polarisierung bildet eine der Grundannahmen in den zu untersuchenden Texten. 498