Gefährliche Maskeraden Das Spiel mit der Status- und Geschlechtsidentität (,Herzog Herpin’, ,Königin Sibille’, ,Loher und Maller’, ,Huge Scheppel’) Ute von Bloh Vertauschungen und Verkleidungen sind konstitutiv für das Erzählen in manchen der Epen, die Elisabeth von Lothringen, Gräfin zu Nassau-Saarbrücken zugeschrieben wer¬ den: vor allem für den ‘Herzog Herpin’, auch für den ‘Loher und Maller’, weniger für den ‘Huge Scheppel’ und die ‘Königin Sibille’. Die Beschäftigung mit diesen Texten gibt aller¬ dings Probleme auf, denn wohl wurden einige der Epen bereits im 16. Jahrhundert mehr¬ fach gedruckt, doch neu ediert sind nur der ‘Huge Scheppel’ und die ‘Königin Sibille’.1 Sowohl einige Drucke als auch Handschriften liegen außerdem in verschiedenen Fassun¬ gen2 vor. Die - vergleichsweise spärliche - Forschungsliteratur hat sich daher eher mit einzelnen Epen, bevorzugt in den Drucken des 16. Jahrhunderts beschäftigt. In die nach¬ folgenden Überlegungen zum Spiel mit der Status- und Geschlechteridentität sollen dage¬ gen sämtliche Epen einbezogen werden. In Anbetracht der ÜberlieferungsSituation ist allerdings zunächst zu klären, welche Texte den Überlegungen zugrundezulegen sind. Würde man die edierten Handschriften des ‘Huge’ und der ‘Sibille’ mit den Drucken des ‘Herpin’ und des ‘Loher’ kombinieren, hieße das, die unterschiedlichen Bearbeitungen unstatthaft zu vereinheitlichen, die zudem auf je andere historische Bedingungen der Textkonstitution wie auch -rezeption reagieren. Eine Festlegung auf bestimmte handschriftliche Fassungen ist ebenso problematisch, denn vom ‘Herpin’ sind drei,3 nicht voneinander abhängige Fassungen überliefert, während 1 Tiemann, Hermann: Der Roman von der Königin Sibille in drei Prosafassungen des 14. und 15. Jahrhunderts (Ver* öffentlichungen aus der Staats- und Universitätsbibliothek 10), Hamburg 1977. Im 16. Jahrhundert wur¬ de die ‘Königin Sibille’ als einziger Text nicht gedruckt. Der ‘Huge’ ist ediert von Urtel, Hermann (Hg.): Der Huge Scheppel der Gräfin Hlisabeth von Nassau-Saarbrücken nach der Handschrift der Hamburger Stadtbibliothek (Veröffentlichungen aus der Hamburger Stadtbibliothek, 1) Hamburg 1905. 2 Mit Joachim Bumke spreche ich von Fassungen, „wenn ein Epos in mehreren Versionen vorliegt, die in solchem Ausmaß wörtlich übereinstimmen, daß man von ein und demselben Werk sprechen kann, die sich jedoch im Textbestand und / oder in der Textfolge und / oder in den Textformulierungen so stark unterscheiden, daß die Unterschiede nicht zufällig enstanden sein können, vielmehr in ihnen ein unter¬ schiedlicher Formulierungs- und Gestaltungswille sichtbar wird”. Vgl. Bumke, Joachim: „Der unfeste Text. Überlegungen zur Überlieferungsgeschichte und Textkritik der höfischen Epik im 13. Jahrhun¬ dert”, in: Müller, jan-Dirk (Hg.): >Aufführung< und >Schrift< (Germanistische Symposien. Berichtsbände XVII) Stuttgart / Weimar 1996, S. 118-129, hier S. 124. 3 ‘Herzog Herpin’: Berlin, Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Mgf 464; Heidelberg, Universitätsbibliothek, Cpg 152; Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, Cod. Guelf 46 Novissimi 2°. Zur Überlieferung von Bloh, Ute von: Historie von Herzog Herpin. Übertragen aus dem Französischen von Hlisabeth von Nassau-Saarbrücken. Heidelberg Universitätsbibliothek, Cod. Pal. Germ. 152 (Codices iüuminati medii aevi 17), München 1990; dort auch Hinweise auf weiterführende Literatur. 495