etwas von jener neuen Moral an, die in der ‘Sibille’ faßbar wird26 Aber die Lösung der Verwicklungen erfolgt immer über Bravourtaten, über massive Gewalt. Die ‘Sibille’ dage¬ gen, obschon sie vom selben Ansatz ausgeht, bietet eine neue Antwort auf das Problem des Bösen. Und so wirken denn die drei andern Romane wie eine Folie, vor der sich diese neue Antwort um so deutlicher abheben kann. Sie bricht den Ablauf des immer neuen Hin und Hers zwischen Verrat und Trug und Erniedrigung und mehr oder weniger mör¬ derischer Rehabilitierung auf und führt eine andere, man möchte sagen weibliche Mög¬ lichkeit einer Lösung vor. Das liegt nicht nur daran, daß eine Frau als Heldin fungiert, vielmehr stehen auch die Männer, die ja die Handlung tragen, nicht auf demselben Boden wie Fierpin, Lewe, Loher oder Huge, auch wenn sie, wenn es nötig und gerechtfertigt ist, durchaus zuschlagen können. Die ‘Sibille’ setzt sich mit ihrem spezifischen Konzept der¬ maßen auffällig von den drei andern Stücken ab, daß man denken möchte, Elisabeth habe sich für diese Chanson de geste-Tetralogie um dieses Kontrastes willen interessiert. Und man könnte sich sehr wohl vorstellen, daß ihre auf Gewalt verzichtende Politik nach dem Tod ihres Mannes nicht ohne Beziehung dazu ist. Jedenfalls aber denke ich, und das hoffe ich plausibel gemacht zu haben, daß Elisabeth, ob sie nun ihr Korpus vorgefunden oder ob sie es selbst zusammengestellt hat, mit ihrer Wahl Position bezogen hat im Spektrum der zu ihrer Zeit gängigen narrativen Gattungen. Sie hat nicht nur einen Typus gewählt, der — anders als der Artusroman — das Böse nicht utopisch überwindet, sondern es in ei¬ ner neuen, harten Weise angeht, und sie hat innerhalb dieses Typus mit der ‘Sibille’ für das damit aufgebrochene Problem ihrem deutschen Lesepublikum eine überraschende Lö¬ sung angeboten. Man kann sich schwer vorstellen, daß sie nicht gesehen haben sollte, welches Deutungspotential in ihrer Tetralogie steckte. In dem Maße aber, in dem man das voraussetzen darf, in dem Maße hat Elisabeth Anspruch auf einen sehr viel prominente¬ ren Platz in unserer Literaturgeschichte, als man ihn ihr bislang zugestehen mochte. 26 Vgl. Haug, Walter: „Huge Scheppel - der sexbesessene Metzger auf dem Lilienthron. Mit einem kleinen Organon einer alternativen Ästhetik für das spätere Mittelalter“, in: Haug, Brechungen (wie Anm.16), S. 373-389. 493