die über alle Stränge schlagen. Man kann dabei bis zum Äußersten gehen: Warakir über¬ zieht seinen Mutwillen, und schließlich hat er unter dem Galgen schon den Strick um den Hals. Der Unernst feiert seine Triumphe in dem Maße, in dem der große Ernst der Wahr¬ heit im Vertrauen auf sich selbst zum Sieg gelangt. Das Böse hat gegenüber der durch das Lachen immer wieder von aller Verfestigung frei gehaltenen Moral keine Chancen. Man kann also geradezu sagen, daß sich aus dem Roman von der Königin Sibille eine nar¬ rative Philosophie des Bösen und seiner Bewältigung herauslesen lasse, eine Philosophie, die zwar unausgesprochen, aber doch über deutliche Signale kontrastiv zur arthurischen Bewältigung des Negativen angesetzt ist. Und es könnte sehr wohl eine solche Lektüre gewesen sein, die die ‘Sibille’ für Elisabeth und ihre Zeitgenossen aktuell machte. Es wird ein Konzept faßbar, das sich von der Einsicht nährt, daß das arthurische Modell vom Umgang mit dem Negativen fragwürdig ist. Es scheint nicht mehr akzeptabel, daß eine gesellschaftliche Form als utopischer Entwurf das ihm Widersprechende aufhebt, und zwar in der Weise, daß man auf das Böse zugeht, diese Begegnung durchsteht und das Bewußtsein dieses Durchgangs in die fragile Idealität der höfischen Harmonie hinein¬ nimmt. Man sucht nun angesichts einer - trotz der mächtigen nostalgischen arthurischen Tradition — problematisch gewordenen Gesellschaftsidee einen andern, nichtgesellschaft¬ lichen Grund für die Moral, einen Grund, der von einer möglichen Zersetzung der ästhe¬ tisch-ethischen Utopie nicht tangiert wird; man sucht — und dies auch im Gegensatz zum Empörerepos, das in die Schuldverstrickung hineinführt - die moralische Unmittelbarkeit. Sie ist als solche elementar, fraglos und einfach. Man erfährt sie nur, wenn man alles For¬ male ablegt. Warakir in seiner Wüstheit ist die Verkörperung dieser Position. Als Ein- schuhiger steht er an der Grenze zum Anderssein, er steht für den Übergang zwischen Leben und Tod und neuem Leben. Ich kann selbstverständlich nicht nachweisen, daß Elisabeth ‘Die Königin Sibille’ so gele¬ sen hat, wie ich sie lese, und schon gar nicht wage ich es, den Gedanken zu äußern, daß sie beim Übersetzen ihre Vorlage im Sinne eines solchen Verständnisses gestaltet haben könnte, wenngleich das Holzschnittartige ihrer Bearbeitung die Grundlinien, die das Kon¬ zept bestimmen, sehr deutlich heraustreten läßt und die Prosa gegenüber der Versform eine größere affektive Nähe schafft, was einem Verständnis im Sinne meiner Deutung entgegenkommt. Ich kann nur zeigen, daß man den Sibillenroman nicht als ein dekaden¬ tes, grobes, sinnflaches Spätzeitprodukt auffassen muß, daß dieser Stoff vielmehr nach ei¬ ner inneren Logik organisiert ist, die ihn einer literarischen Interpretation zugänglich macht. Es spricht nichts dagegen, daß eine solche Interpretation zumindest als implizites Verständnis auch im 15. Jahrhundert möglich war, und ich halte es für nicht unwahr¬ scheinlich, daß es dies war, was das Interesse an dieser so ernsthaften und so lachhaften Geschichte weckte und wachhielt. Es wäre nun als nächstes zu prüfen, ob den drei andern Romanen Elisabeths, die ja die¬ selbe Thematik behandeln, auch dasselbe Konzept vom Umgang mit dem Bösen zugrun¬ de liegt. Ich kann eine der obigen Analyse entsprechend einläßliche Interpretation dieser Romane an dieser Stelle nicht leisten, aber es sei wenigstens abschließend angedeutet, wie 491