Als archaische Relikte einer unwiederbringlich verlorenen Epoche und damit als eine Art rückwärtsgewandter Utopie dürfte den Rezipienten der Saarbrücker Chanson de geste- Bearbeitungen demnach die in den Texten dargestellten Konfliktstrategien nicht unbe¬ dingt erschienen sein34. Denn wenn die ‘Spielregeln mittelalterlicher Politik’, wie G. Alt¬ hoff diese Rituale und Konfliktstrategien plakadv bezeichnet hat, im 15. und frühen 16. Jahrhundert noch verstanden wurden — und einiges spricht, wie gesehen, dafür — beziehen die in ‘HerpinJ ‘Sibille’, ‘Loher und Maller’ und ‘Eluge Scheppel’ dargestellten gewalttäti¬ gen Fehden und Kämpfe ihr Faszinationspotential nicht ausschließlich, und vielleicht nicht einmal in erster Linie, aus den sich abzeichnenden Änderungen in der Akzeptanz individueller Aggressionen — müssen also nicht unbedingt mit Blickrichtung auf die Mo¬ derne erklärt werden. Der in den Prosahistorien geschilderte Verlauf der unerbittlichen militärischen Auseinandersetzungen könnte möglicherweise auch als literarisches Durch¬ spielen tradierter Normen verstanden worden sein. Dabei kann deren Gelingen ebenso vorgeführt werden, z.B. im Fall der gütlichen Konfliktbeilegung zwischen Herpin/Lewe und Karl, zwischen Sibille/Ludwig und Karl sowie zwischen Loher/Marphone und Lud¬ wig, wie das spektakuläre Scheitern, so etwa am Beispiel des jeweils bis zum Tod des Kontrahenten ausgetragenen Zwistes zwischen dem Herzog von Calabre und Lewe, zwi¬ schen Maliers Vater Galie und Loher bzw. Marphone sowie zwischen Graf Friderich und Herzog Asselin auf der einen Seite und Huge Scheppel auf der anderen. Auch ein solches Verständnis entbehrt nicht einer gewissen Gewaltfaszination, die sich dann allerdings aus der literarisch übersteigerten, unterhaltsamen Schilderung weithin bekannter Konventio¬ nen eines jahrhundertealten Regulativs speist. So ist es vielleicht zu verstehen, wenn in ‘Loher und Maller’ die heimtückischen Ratgeber Ludwigs, die den französischen König dazu veranlaßten, die mit seinem Bruder ausgehandelte Sühne zu mißachten, die Folgen für ihren Vertrauensbruch nicht allein durch die Verweigerung eines neuerlichen friedli¬ chen Ausgleichs zu tragen haben, sondern überdies durch eine in ihrer hypertrophen Drastik beinahe schon wieder komisch wirkende Bestrafung büßen müssen. Die wichtige Spielregeln mittelalterlicher Politik verletzenden Akteure werden zur Strafe in einem gro¬ ßen Kessel mit Öl gesotten, wobei die Hitze zuerst bewußt niedrig gehalten wird, so daß die schelck kryschen. Erst yu vesper wird die Temperatur dann soweit erhöht, daß sie eyn ende nehmen (83r). 34 Auch andere Faktoren in Produktion wie Rezeption der Elisabeth zugeschriebenen Werke deuten darauf hin, daß Bezüge zwischen Gegenwart und literarisch überformter Vergangenheit offenbar recht unprob¬ lematisch hergestellt werden konnten. Zu nennen sind etwa die, wohl aus aktualisierenden Interessen eingeschalteten, Inserte von Personen- und Ortsnamen aus der unmittelbaren Umgebung des Saarbrü¬ cker Grafenhauses, vgl. dazu Fiepe (wie Anm. 2), S. 17, die Benutzung von Wappen seinerzeit existie¬ render Adelsgeschlechter für einzelne Illustrationen der von Elisabeths Sohn Johann in Auftrag gegebe¬ nen Prachthandschriften, vgl. dazu Müller, Jan-Dirk: „Späte Chanson de geste-Rezeption und Landesge¬ schichte. Zu den Übersetzungen der Elisabeth von Nassau-Saarbrücken“, in: Wolfram-Studien XI (1989), S. 206-226, und schließlich die Verwendung der Chanson de geste-Bearbeitungen als quasi-genealogische Schriften, durch die Verwandtschaft zum französischen Königsgeschlecht reklamiert werden sollte; vgl. zu eventuellen Saarbrücker Interessen Haubrichs (wie Anm. 5); zu entsprechenden Behauptungen durch Johannes Nuhn, den Geschichtsschreiber der Landgrafen von Niederhessen vgl. Müller: Späte Chanson de geste-Rezeption, S. 208f. und Johanek, Peter: „Johannes Nuhn“, in: 2WL Bd. VI, Sp. 1240-1247. 474