anderer, weniger gewalttätiger Verlauf denkbar gewesen wäre, demonstriert der zweite Zentralkonflikt des Werks, in dem der Streit zwischen Karl und Herpin bzw. Lewe über verschiedene Deeskalationsstufen hinweg erfolgreich beigelegt wird. 2. ‘Sibille’ In der dem bekannten literarischen Schema der zu Unrecht verstoßenen Ehefrau folgen¬ den ‘Sibille’ stehen kriegerische Auseinandersetzungen zwar nicht im Mittelpunkt, trotz¬ dem enthält auch diese Erzählung einen brisanten politischen Konflikt insofern, als die Ehe König Karls mit und seine (vorübergehende) Trennung von der byzantinischen Kai¬ sertochter Sibille natürlich Ereignisse von eminenter politischer Tragweite darstellen. Auch hier können demzufolge literarisch überformte Reflexe mittelalterlicher Konflikt¬ strategien vermutet werden. In der Tat greifen schon zu Anfang der Spannungen, als der zornige Karl nach vermeintlich begangenem Ehebruch seine Frau verbrennen lassen will, die typischen Muster der gütlichen Beilegung eines Dissenses. Denn kurz bevor die Köni¬ gin auf den Scheiterhaufen geworfen werden soll, gelingt es den durch die Tränen Sibilles bewegten Räten Karls, eine andere Lösung auszuhandeln und die Todesstrafe in Verban¬ nung umzuwandeln — wobei sie ihren königlichen Status, symbolisiert durch herrschafdi- che Kleidung (... vnd heyssent sye cleyder andünyr besten die syeyrgen hat, 61v), schließlich sogar behalten darf. Wie man sich in der literarischen Fikdon das Zustandekommen eines sol¬ chen Kompromisses vorstellte, läßt übrigens jene Passage erahnen, in der die gegen die Königin intrigierenden Widersacher dem als Liebhaber Sibilles verdächdgten Zwerg versi¬ chern, ihn mit golde vnd Silber selbst dann retten zu können, wenn er auf seiner ihn selbst wie die Königin gleichermaßen belastenden Falschaussage bestehe (61v). Nach Jahren in der Verbannung und nachdem mittlerweile der in der Fremde geborene Sohn Ludwig erwachsen geworden ist, wird von diesem die Aussöhnung sorgfäldg vorbe¬ reitet, indem er die bewährten Rituale zur Streitschlichtung in Gang setzt. Ludwig nimmt mit den einst schon beim Sühneverfahren seiner Mutter als Mittler erfolgreichen Königs¬ beratern Nymo von Beyern und Otgar von Dannemarck Kontakt auf, überdies bringt er den Papst als möglichen Vermittler ins Spiel. Den Mediatoren gelingt die erhoffte Aussöh¬ nung, die als geradezu klassische deditio geschildert wird, wenn der Papst vorschlägt, das sich die manne alle sollen vß dun bis vffyre hembde Also wollen wir dem körnige entghein gern so müste er gar ein hart hert^ han er neme sin husfrouwe widder (75v). Nachdem Karl die sich auf solche Weise öffentlich Demütigenden erblickt und ihn auch seine zwölf Räte noch kniefällig um Gnade bitten, antwortet er seinerseits mit den entsprechenden hochsymbolischen Gesten: Der konnig bedacht sich enwenig vnd weynet— das gehört zum typischen Versöhnungritual - tritt dann auf die vor ihm kniende Königin zu, hub sie widder vff vnd slug den manttel vmb sye vnd kusete vnd halsete sie dicke vnd viel [...]. Konnig Karl ginge yü syme sone Ludewig vnd helsete vnd kuste yne auch. (76r). Auch diese Erzählung setzt also Konfliktrituale des Mittelalters literarisch sinnvoll um. 469