am burgundischen Vorbild ausgerichtete Kultur und Literatur der Ritterrenaissance dürfte demnach in der zuweilen unterstellten Einheitlichkeit kaum existiert haben7. Im Fall der Saarbrücker Chanson de geste-Bearbeitungen kommt ein weiteres Moment hinzu. Das Modell der romantischen Ritternostalgie operiert stark mit Bezügen auf höfisches Zere- monialhandeln, auf vorbildliches, vollkommenes, mit einem Wort: ritterliches Verhalten, das sich in der Realität in Festen, Turnieren, Schaugeprängen usw. manifestiere, wie dies Huizinga so eindrucksvoll für den burgundischen Hof gezeichnet hatte. In der Literatur findet die Vorstellung vom affirmativen Charakter der höfischen Kultur ihre Entspre¬ chung noch am besten im Typus des Artusromans mit seinem — wenigstens partiell gülti¬ gen — gemeinschaftsstiftenden Ideal der Tafelrunde und der allgemeinen Festesfreude. Von daher ist es wenig erstaunlich, wenn das Deutungsmuster der Ritterrenaissance be¬ sonders häufig auf Texte appliziert wurde, die unmittelbar auf das Vorbild des Artusro¬ mans rekurrieren, wie etwa Füetrers ‘Buch der Abenteuer’, oder doch zumindest indirekt auf die Ideologie der hochmittelalterlichen Muster Bezug nehmen, wie die unter der Ägide Maximilians, des „letzten Ritters“, verfaßten Werke ‘Theuerdank’ und ‘Weißkunig’. Die Saarbrücker Prosawerke fügen sich dagegen dem Ideal höfisch vorbildlichen Handelns nur sehr punktuell. Zwar begegnen dort ebenfalls Feste und Turniere; noch weit seltener als in den Artusromanen verlaufen sie allerdings konfliktfrei oder besitzen, im Unter¬ schied etwa zur Eingangsszene des ‘Erec’ oder ‘Iwein’, einen integrativen, verschiedene Adelsgruppierungen umspannenden oder gar miteinander versöhnenden Charakter. Fest¬ lichkeiten enden statt dessen nicht selten im Streit — wie z.B. im ‘Herpin’, wo aus einem als Heiratsbörse einberufenen Turnier eine erbitterte Feindschaft erwächst, die alsbald in Kämpfe mündet, in denen der Unterlegene am Ende getötet wird. In den Saarbrücker Be¬ arbeitungen französischer Heldenepik ist der für jenes Genre häufig konstitutive brutale, grausame, tödliche Ernstkampf stets eine naheliegende Alternative. So dürften wahr¬ scheinlich auch Inhalt und Thematik der Texte mit dafür verantwortlich sein, daß die Theorie einer nostalgischen Apotheose der glorreichen eigenen Vergangenheit die Inter¬ pretationsgeschichte der Elisabeth zugeschriebenen Werke nicht deutlicher bestimmt. Statt mit Blickrichtung auf die Vergangenheit werden die unter ihrem Namen firmieren¬ den Prosawerke neuerdings umgekehrt eher als Texte verstanden, in denen sich auf die Neuzeit verweisende Entwicklungen niederschlügen. Den entscheidenden forschungsge¬ schichtlichen Paradigmenwechsel haben, etwa gleichzeitig, doch unabhängig voneinander, Jan—Dirk Müller und Dieter Seitz mit Studien über ‘Huge Scheppel’ bzw. ‘Hug Schapler’ eingeleitet. Beide verstehen den kämpfestüchtigen, Gewalt, ja Grausamkeit teilweise skru¬ pellos einsetzenden Protagonisten der Erzählung als Verkörperung feudaler Wunschvor- S. 303-385. Zu der im 15./16. Jahrhundert in West- und Südeuropa entstandenen und rezipierten ‘ritter¬ lichen’ Literatur vgl. ebenfalls die Sammelbände von Jones-Davies, M. T. (Hg.): Le Roman de Chevalerie au temps de la Renaissance, Paris 1987; Hempfer, Klaus W. (Hg.): Ritterepik in der Renaissance, Stuttgart 1989 (Text und Kontext 6); Angio, Sydney (Hg.): Chivalry in the Renaissance, Woodbridge 1990. 7 Auf eine umfassende Auseinandersetzung mit den Forschungen zur sogenannten Ritterrenaissance muß an dieser Stelle verzichtet werden; vgl. dazu Bastert (wie Anm. 6), S. 7-39, und vor allem den instruktiven Beitrag von Klaus Graf in diesem Band S. 517-532. 462