Untersuchungen häufig die Moderne als Folie dient, vor der die Texte interpretiert wer¬ den. In der Deutungsgeschichte spiegelt sich demnach ebenfalls etwas von dem Janusköp¬ figen, das in vielerlei Hinsicht als signifikantes Kennzeichen der im 15. Jahrhundert aus dem Französischen ins Deutsche übersetzten Prosahistorien gilt. Im folgenden Beitrag sollen die jeweils stark historisch argumentierenden Forschungsparadigmen mit einigen neueren Ergebnissen der Geschichtswissenschaft konfrontiert und auf die daraus resultie¬ renden interpretatorischen Konsequenzen für die Elisabeth zugeschriebenen Texte be¬ fragt werden. Im ausgehenden Mittelalter entstandene Texte, und somit auch ‘Herpin’, ‘Sibille’, ‘Loher und Maller’ sowie ‘Huge Scheppel’, verstand man lange beinahe selbstverständlich als Produkte einer politischen und gesellschaftlichen Endzeit, was automatisch ein Präjudiz für ihren künstlerischen Wert bedeutete. Auch Wolfgang Liepe, der in der Zwischen¬ kriegszeit Entscheidendes für die Analyse der Elisabeth zugeschriebenen Prosaerzählun¬ gen leistete, interpretierte sie aus jenem Blickwinkel. Besonders deutlich wird dies etwa an seinem Urteil über die den deutschen Bearbeitungen als Quelle dienenden, wohl noch aus dem 14. Jahrhundert stammenden französischen Chansons de geste, die Liepe als „spät¬ dekadente [...] Ependichtungen“, als Ausfluß einer „Zeit politischer Auflösung und kultu¬ rellen Niedergangs des Adels“ charakterisierte2. Ein Urteil, das er — trotz aller Hochach¬ tung vor Elisabeths Oeuvre — ebenfalls auf die im Umkreis des Saarbrücker Hofs entstan¬ denen Chanson de geste—Adaptationen übertrug, und das nicht unwesentlich Liepes lange Zeit maßgebliches Bild von Elisabeths übersetzerischer und künstlerischer Leistung be¬ stimmte — zumal der von ihm verfolgte, die Epigonalität spätmittelalterlicher Werke beto¬ nende Forschungsansatz scheinbar durch historische Untersuchungen gestützt wurde. Hatte doch Johan Huizinga in seiner wirkungsmächtigen geistesgeschichtlichen Studie über den ‘Herbst des Mittelalters’ die prunkvolle burgundische Hofkultur des ausgehen¬ den Mittelalters als Produkt der nostalgischen Sehnsucht nach einer unwiderruflich ver¬ gangenen Zeit beschrieben, in der dem Feudaladel noch sehr viel größere Möglichkeiten selbständigen militärischen, ökonomischen und politischen Handelns zugekommen seien. Nach dem Verlust dieser Möglichkeiten habe „die ritterliche Fiktion als Korrektiv für die Unbegreiflichkeiten [der] eigenen Zeit“3 gedient. Das von dem niederländischen Gelehr¬ ten am Beispiel des burgundischen Hofes entwickelte Modell eines eskapistischen Bezugs auf die ritterlich—höfische Kultur des hohen Mittelalters wurde - in Deutschland oft unter dem Stichwort „Ritterromantik“ oder „Ritterrenaissance“ — auf die kulturellen, insbeson¬ dere literarischen Bestrebungen weiterer Territorialhöfe angewandt. Zu einigen dieser Hö¬ fe unterhielt der im Überschneidungsgebiet französischer, burgundischer und deutscher Interessensphären angesiedelte Hof der Grafen von Nassau-Saarbrücken im 14. und 15. 2 Liepe, Wolfgang: Elisabeth von Nassau-Saarbrücken. Entstehung und A.nfänge des Prosaromans in Deutschland, Halle 1920, S. 13. 3 Huizinga, Johan: Herbst des Mittelalters. Studien über Lebens- und Geistesformen des 14. und 15. Jahrhunderts in Frankreich und in den Niederlanden, hrsg. v. Kurt Köster, Stuttgart 1975, S. 87. 460