Im Vorfeld von Saarbrücken: Frankreich und Burgund in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts Heinz Thomas Frankreich und Burgund, das waren nach dem zum Beispiel im Journal des sogenannten Bourgeois de Paris üblichen Sprachgebrauch seit dem Jahre 1410 Armagnac und Burgund. Aber Armagnac, das war nicht nur in diesem Kontext für den oder die so Angesproche¬ nen ein böses Schimpfwort1. Graf Bernhard VII. von Armagnac, dessen Tochter Bonne 1410 Herzog Karl von Orléans geheiratet hatte, den Sohn des 1407 von Leuten Herzog Johanns Ohnefurcht von Burgund ermordeten Herzogs Ludwig, war nach Ansicht seiner vielen Feinde ein grausamer Schlächter: Wann immer nach Streitereien zwischen den Par¬ teien auf den Straßen von Paris ein Mordopfer gefunden wurde, sagte man2: Das hat ein Armagnac getan. Die so Bezeichneten haben, soweit sie nicht aus der Grafschaft Armag¬ nac stammten, diesen Namen nie akzeptiert, sondern ihn so verstanden, wie er gemeint war, als Schimpfwort. Als ein Engländer vor Orléans Jeanne als putain des Armagnacs, Hure der Armagnacs, verhöhnte, war das für die Pucelle eine zweifache Beleidigung3 4. Auch der Bourgeois von Paris hat um diese schlimme Bedeutung des Namens gewußt: Karl VII. und seine Anhänger, das waren für ihn Armagnacs, jedenfalls bis 1435. Danach wechselte er den Namen, aus Armagnacs wurden Français, und im Bericht über die kampflose Beset¬ zung seiner Stadt durch die einstigen Armagnacs avancierte Karl VII., bis dahin besten¬ falls als dauphin bezeichnet, auf einmal zum roi de FranceA. Im folgenden kann selbstverständlich nicht das gesamte Panorama der französisch- burgundischen Geschichte von 1397 bis etwa 1440 ausgebreitet werden, es werden einige Linien des Bildes der Vorgänge skizziert, wie es sich aus der Perspektive des Hofes ausge¬ nommen haben könnte, deren Haupt Elisabeth von Lothringen, Gräfin zu Nassau und zu Saarbrücken, vom Tode ihres Mannes am 2. Juli 1429 bis zur Mündigkeit ihrer Söhne Phi¬ lipp (1438) und Johann (1442) gewesen ist5. Dabei werden hin und wieder Themen oder Motive, die in Elisabeths Romanen anklingen, gestreift werden, denen bei einem sozusa¬ 1 Beaune, Colette (Hg. u. Übsf.Joumal d'un Bourgeois de Paris de 1405 à 1449, , Paris 1990, S. 35, § 13, (zu den Morden von 1410), u. S. 152 f. § 262, (zu den Erfolgen der Engländer von 1419). Vgl. Favier, Jean: Artikel „Armagnacs et Bourguignons“, in: LexAIA, Bd. 1, München, Zürich 1980, Sp. 962 f. Allgemeine Literatur: Autrand, Françoise: Charles VJ. La folie du roi, Paris 1986; Fresne de Beaucourt, G, du: Histoire de Charles Hl, Bd. 1-6, Paris 1881-1891; Vale, M. G. A.: Charles VII, London 1974; Vaughan, Richard: Philip the Bold, London 1962; Ders.: John the Fearless, London 1966; Ders.: Philip the Good, London 1970. 2 Journal (wie Anm. 1), S. 35, § 13. 3 Nach der Aussage von Jeannes Beichtvater Jean Pasquerel war diese doppelte Beleidigung die Antwort auf einen Brief, der mit einem Pfeil zu den Engländern geschossen worden war: Assunt nova de la putain des Armignacf Duparc, Pierre (Hg.): Procès en nullité de la condamnation de Jeanne d'Arc, Bd. 1, , Paris 1977, S. 394. Nach Fertigstellung des Aufsatzes erschien meine Veröffentlichung Jeanne dArc. Jungfrau und Tochter Gottes, Berlin 2000, in den folgenden Anmerkungen wird noch nicht darauf verwiesen. 4 Erste Nennung Karls VII. als König im Bericht zum Jahre 1436: Journal (wie Anm. 1), S. 349, § 692. 5 Vgl. dazu den Beitrag von H. W. Herrmann in diesem Band S. 49-124. 155