Liegt es am Reiz der history, oder liegt es an dem bis in die Neuzeit andauernden Erfolg des ,Huge Schepel4, daß gerade an diesem Text in den achtziger Jahren sozialgeschichtli¬ che Interpretationsmuster erprobt wurden? Dabei war es Jan-Dirk Müller, der in seinem Aufsatz „Held und Gemeinschaftserfahrung“ (1980)53 endgültig zeigte, daß sich — vor den Drucken — die literarische Rezeption der Elisabeth-Übersetzungen innerhalb eng um¬ schriebener Verwandtenkreise der Häuser Lothringen und Nassau-Saarbrücken, z.B. Kur¬ pfalz, Savoyen und Blankenheim bewegte. Und dies prägt sich auch in der art des Prota¬ gonisten Huge aus, der, indem er das Erbe der Mutter, der Metzgerstochter, und des rit¬ terlichen Vaters vereinigt, zum Außenseiter wird. Zugleich aber entspringen dieser neuen, dieser außerordentlichen Art, die Vitalität, Stärke und Schönheit vereinigt, „die Bedingun¬ gen seines Erfolgs: Kühnheit, Ausdauer, Geschicklichkeit, erotische Attraktivität, alle als Herreneigenschaften gekennzeichnet“. Er verkörpert die herlichkeit. Gerade an diesem Außenseiter, den Fortuna und Gott begünstigen, an dem sich die gratia dei gerade dank des fehlenden Geblütsrechts erweisen kann54, „wird körperliche Ungleichheit als Bedeutung von Adel und feudalem Herrschaftsanspruch erfahrbar“55. In dieser Bewertung trifft sich Müller wiederum mit Dieter Seitz in dessen Beitrag „Der Held als feudales Wunschbild“ (1983)56, der die „Verherrlichung der bedenkenlosen Kör¬ perkraft“57 hervorhebt. Elisabeths ,Prosaroman‘ macht ein durchaus adliges Identifikati¬ onsangebot, das sich an Frauenliebe, an ritterlichen Turnieren, an Verachtung der Arbeit, aber aggressiver Liebe zum Kampf orientiert. Wenn auch in die Vorzeit projiziert, in der noch alle Möglichkeiten der Entfaltung offenstehen, ist es der in diesen Tugenden „wirk¬ lich Tüchtigste“58, der Herrscher wird. Was sich in Hug entfaltet, ist erstrebte Individuali¬ tät. Ein so nicht mehr mögliches, aber im 15. Jahrhundert auf die verschiedenste Weise erstrebtes adliges Ideal, verkörpert sich in ihm. „Das Leben ist ihm dazu da, ungebrochen feudale körperliche Individualität zu verwirklichen“59. Auch Seitz geht von einer Identität des Heldenentwurfs des Romans mit der Gesellschaft, wenn auch mit einem Wunschbild der Gesellschaft aus60. 53 Müller (wie Anm. 48), S. 396f., 400f. 54 Vgl. dazu auch Haubrichs, Wolfgang: „Die Kraft von franckrichs wappen. Königsgeschichte und genealogi¬ sche Motivik in den Prosahistorien der Elisabeth von Lothringen und Nassau-Saarbrücken“, in: Der Deutschunterricht 43 (1991), H. 4, S. 4-19, hier S. lOf. 55 Müller (wie Anm. 48), S. 410. Danielle Buschinger: „Pouvoir politique et pouvoir culturel. Elisabeth von Nassau-Saarbrücken“, in: Dies. (Hg.): Cours princières et châteaux. Pouvoir et culture du XIe au XIIIe siècle en France du Nord, en Angleterre et en Allemagne, Greifswald 1993, S. 45-58, scheint noch Anhängerin der These von Léon Gautier zu sein, daß die Chanson von ,Hugues Capet‘ die wachsende Macht des Bürgertums widerspiegele, vielleicht sogar eine Auftragsarbeit der Pariser „bourgeoisie“ darstelle. 56 Seitz, Dieter: „Der Held als feudales Wunschbild. Zur historischen Bewertung des Typus Hug Schapler, in: Horst Wenzel (Hg.): Typus und Individualität im Mittelalter,; München 1983, S. 122-139. 57 Seitz (wie Anm. 56), S. 124. 58 Seitz (wie Anm. 56), S. 133. 59 Seitz (wie Anm. 56), S. 126. 60 Vgl. von der Lühe (wie Anm. 50), S. 74f£; Müller (wie Anm. 48), S. 413f. 29