Hier fügt sich auch der durch die bereits erwähnten erzählerischen Mittel und Beru¬ fungsinstrumente dokumentierte historiographische Wahrheitsanspruch der Romane ein, auch wenn diese clichés de témoignage zum Teil bereits aus den älteren Vorlagen stammen. Sie haben ihre Funktion geändert48. Hierher gehört auch gattungstechnisch der oft konsta¬ tierte nüchterne Erzählstil der Texte, die schnörkellose Linearität ihres Erzählens. In die wirklichkeitsorientierte narrative Konstruktion gehört auch die Rolle, die zunehmend das experiri der Helden, die erfarung als Erzählgegenstand in diesen sich oft selbst als ,Historien4 benennenden Prosaromanen, z.B. in Elisabeths ,Hug Schapler4 in der initiatorisch vorge¬ schalteten Turnier-, Abenteuer- und Liebesfahrt des Protagonisten49. Zu Recht hat Irmela von der Lühe 1981 als Charakteristikum der Prosaromane herausgearbeitet: „Nicht im symbolischen Verweis auf den höfisch-aristokratischen Weltzusammenhang, aus dem heraus Held und Abenteuer im höfischen Roman nur von Interesse sein konnten, artiku¬ liert und legitimiert sich diese Literatur, sondern durch die vorgebliche Tatsächlichkeit des Erzählten, durch die Histori, die Erzähltes und Geschehenes zugleich ist, und die Auf¬ merksamkeit, Unterhaltung und Belehrung in einem gewährleistet“50. In diesem Sinne will der Druck des ,Hug Schapler4 von 1500 ein liepliches Lesen und ein warhafftige Hystorij sein. Von Interesse für dieses Publikum ist vor anderem der „besondere, einzelne, wiewohl überdimensionale und phantastische Held“, wie es immer wieder an Huge, dieser dazu ja besonders geeigneten, sowohl vitalen, potenten, aggressiven als auch erfolgreichen, zum Königsthron gelangenden Mischexistenz aus Metzgersproß und Rittersohn, exemplifiziert wird. Diese Texte sind ursprünglich für adliges Publikum bestimmt, sie sind sich als ,Pro¬ saromane4 — wie Hans-Hugo Steinhoff formuliert hat — ihrer „selbst noch kaum be¬ wußt“51. Sie werden eigentlich erst zu ,Prosaromanen4, indem sie — mit den ersten Dru¬ cken (die ja oft mit Neubearbeitungen verbunden sind) - ihrem ersten Publikum entglei¬ ten, ja sie schaffen sich ihr Publikum erst. Schon in einer frühen Arbeit hat Jan-Dirk Mül¬ ler 1980 gezeigt, wie diese Texte allmählich in ihren Erfahrungen fremd für die rezipie¬ rende Adelsschicht werden, auch dort, wo sie Feudalwelt schildern. „Dieses Fremdwerden der Texte — synchron: durch Verbreitung jenseits des ursprünglichen Rezeptionskon¬ textes; diachron: durch die historische Entwicklung — scheint mir konstitutiv für Ent¬ stehung und Wandlung dieser frühen Prosahistorien, Bedingungen auch neuer literari¬ scher Erfahrungsmöglichkeiten; einer neuen Strukturierung des Verhältnisses Autor / Re¬ zipient / Text“52. 48 Vgl. Müller, Jan-Dirk: „Held und Gemeinschaftserfahrung. Aspekte der Gattungstransformation im frü¬ hen deutschen Prosaroman am Beispiel des ,Hug Schapler4“, in: Daphnis 9 (1980), S. 393-426, hier S. 406. 49 Vgl. Müller (wie Anm. 5), S. 997. 50 Lühe, Irmela von der: „Die Anfänge des Prosaromans: ,Hug Schapler4 und ,Fortunatus444, in: Frey, Win- fried/Raitz, Walter /Seitz, Dieter (Hgg.): Einführung in die deutsche Literatur des 12. bis 16. Jhs., Bd. 3, Opla¬ den 1981, S. 69-91, hier S. 72. 51 Steinhoff (wie Anm. 1), Sp. 488. Eine ähnliche Formulierung findet sich bereits bei Liepe, Entstehung (wie Anm. 2), S. 19. 52 Müller (wie Anm. 48), S. 399. 28