Prosahistorien des 15. und 16. Jahrhunderts von Elisabeth über die ,Melusine4 des Thü- ring von Ringoltingen, den ,Fortunatus‘ bis hin zum ,Faustbuch4 lange Zeit zu fassen suchte, gründlich destruiert43 und einen radikalen Wandel der Gattungsdiskussion bewirkt. Jan Dirk Müller hat sie in seinem großen Forschungsbericht über Volksbuch und Prosa¬ roman von 1985 nachgezeichnet und perspektiviert44. Der Glaube, daß sich in den ,Volks¬ büchern4 eine Erzähltradition durch das Volk für das Volk fassen ließe, war „ein Mi߬ verständnis. Die meisten Erzählungen, deren Ursprung und Wirkungskreis man im ,Volk4 vermutete, waren gegen Ende des Mittelalters für eine schmale, durch Stand und Bildung ausgezeichnete Schicht bei Hof, im Landadel und in der Stadt entstanden. Vor Erfindung und Verbreitung des Buchdrucks waren nicht allzu viele von Vermögen und Ausbildung her in der Lage, sich volkssprachliche Bücher zu verschaffen und sie, gemeinschaftlich oder allein, zu lesen. Wenn seit dem hohen Mittelalter der Schriftgebrauch auch allmäh¬ lich in alle Bereiche des Alltags eindrang, so fanden doch anfangs vornehmlich solche Texte größere Verbreitung, die zur Bewältigung der Lebenspraxis unmittelbar beitrugen: religiöse, rechtliche, moraldidaktische, medizinische, historische usw. Der Anteil er¬ zählender Texte war geringer. Doch kamen einem wachsenden Bedürfnis nach Belehrung und Unterhaltung auch Übersetzungen und Bearbeitungen von Heldenepen, höfischen Romanen, Legenden, Novellen entgegen, in denen anders als zuvor nicht mehr der Reim- paarvers, sondern die Prosa dominierte.“45 Hier sind, und zwar als nahezu die ersten46, auch die Übersetzungen Elisabeths einzuord¬ nen. Warum Prosa? Jan Dirk Müller hat hier die Ergebnisse der Forschung gültig zusam¬ mengefaßt: „Der Übergang zur Prosa kann vielerlei Gründe haben, doch hängen sie zu¬ meist mit der Ausbreitung einer volkssprachlichen Schriftkultur zusammen. In Einzel¬ statt Gemeinschaftslektüre gewannen akustische Schmuckmittel wie der Reim an Bedeu¬ tung; die sprachgeschichtliche Entwicklung hatte die Reimstruktur älterer Texte zerstört; der Vers wurde als mnemotechnisches Hilfsmittel entbehrlich; es ging vornehmlich um den Sachgehalt des Aufgeschriebenen, nicht so sehr seine überlieferte (Vers-)Gestalt; an¬ dere Gattungen, zumal das volkssprachliche Fachschrifttum, richteten sich seit dem 13. Jahrhundert an der Prosa der Gelehrtensprache Latein aus. So wurde allmählich die Prosa zur Regel, der Vers zur auf wenige Gebrauchsformen oder auf besondere poetische Gat¬ tungen beschränkten Ausnahme: Nach einigen verstreuten Vorläufern setzte sich im 15. Jahrhundert der ,Prosaroman4 durch“47. 43 Kreutzer, Hans Joachim: Der Mythos vom Volksbuch. Studien gur Wirkungsgeschichte des frühneuhochdeutschen Romans seit der Romantik, Stuttgart 1977. 44 Müller, Jan-Dirk: „Volksbuch/Prosaroman im 15./16. Jh. - Perspektiven der Forschung“, in: Internationa¬ les Archiv für Sogialgeschichte der deutschen LJteratur, 1. Sonderheft, Tübingen 1985, S. 1-128. Vgl. auch Bur- chert (wie Anm. 1), S. 159ff. 45 Müller (wie Anm. 5), S. 990. 46 Vgl. zu verstreuten Vorläufern Steinhoff (wie Anm. 1), Sp. 488. 47 Müller (wie Anm. 5), S. 990f. 27