einfache, der Unterhaltung dienende Formschablone also, eine episch gefüllte Wunder¬ tüte? So würde es denn nichts mehr bedeuten als den Ersatz eines Platzhalters, wenn Thomas feststellt, daß Huges bürgerliche Metzgerabstammung strukturell der Verban¬ nung des Helden in anderen Chansons entspricht, aus der sich der Protagonist erst em¬ porkämpfen muß? Doch ist es keineswegs sicher, daß man gerade in einer trivial kon¬ struierten Erzählung nur die narrative Syntax interpretieren und über die paradigmatische Bedeutung von Motiven wie das des halbadligen Aufsteigers, ja des Metzgers, hinwegse¬ hen darf, welches die Handlung geradezu akzentuiert, indem sie aus dessen Vitalität und Aggressivität eine Bedingung seines Erfolges macht. Aussichtsreich wäre wohl auch ein zugleich Struktur- und rezeptionsorientierter Vergleich von Motiven, z.B. des Motivs der „ungerecht verfolgten Frau“, das im späten Mittelalter und in früher Neuzeit mit ,Griseldis4, der ,Sibille4, der ,Königin von Frankreich4, der ,Ge- novefa4 und manchen anderen Texten so intensiv an Interesse gewinnt40. Einen anderen vielversprechenden Weg ist Ute von Bloh 1993 mit einer Untersuchung der narrativen Funktion der Briefe in Elisabeths Übersetzungen gegangen41. Sie vermag zu zeigen, daß Briefe ebenso wie Berufungen auf chronikalische Quellen, ja wie im ,Herpin4 auf Kunstwerke, die die Wahrheit des Erzählten angeblich festhielten, ebenso wie auch genaue Orts- und Zeitangaben Elemente der von den Texten erstrebten, auf Authentizität bedachten Struktur der historia sind, welche Unterhaltung wohl in sich aufnimmt, aber nicht in ihr aufgeht. Dem Charakter einer historia, oder vielmehr einer Serie von miteinander verbundenen His¬ torien entspricht auch der von Elisabeth intendierte und durch bedeutsame Änderungen an den Scharnieren geförderte und verstärkte Zykluscharakter der Epen in der Rei¬ henfolge ,Herpin4, ,Sibille4, ,Loher und Maller4, schließlich ,Huge Scheppel4, der seit Liepe nicht mehr eigentlich bezweifelt wurde42, aber noch auf seine Funktionalität hin zu analy¬ sieren wäre. Die Forschungsgeschichte der letzten Jahrzehnte hat den romantischen, von Joseph Gör- res (1807) herrührenden Begriff des ,Volksbuchs4, mit dem man die neu entstehenden 40 Vgl. Ertzdorff (wie Anm. 1), S. 34ff,; 201 ff.; Leander Petzoldt: „Populäre Erzählstoffe aus der Romania in der Germania“, in: Rachewiltz, S. de/Riedmann, J. (Hgg.): Kommunikation und Mobilität im Mittelalter; Sigmaringen 1995, S. 203-219, hier S. 209-213 [Lit.]; Thomas (wie Anm. 38), S. 26; Zhang, Yuan Zhi: Der Ugendenstoff der heiligen Genovefa in dramatischen Bearbeitungen vom Barock bis %um Realismus, Frankfurt a.M. 1998. 41 Bloh, Ute von: „Information - Appell - Dokument. Die Briefe in den Heldenepen der Elisabeth von Nassau-Saarbrücken“, in: Uli 23 (1993), S. 24-49. 42 Wie von Bloh 1990 (wie Anm. 10), S. 10 und Müller (wie Anm. 10), S. 30 bemerkt haben, hat Elisabeth in den Text des ,Herpin‘ eingegriffen, um die Stellung der ,Sibille£ im Zyklus zu sichern: „sie hat in des¬ sen Schlußteil nämlich gegenüber der einzelepischen Überlieferung König Ludwig (dessen Geburt erst in der ,Sibille‘ erzählt wird) durch Karl ersetzt, so daß sich die Begebenheiten um Karls Ehe chronologisch richtig anschließen können. Erst der ,Loher‘ erzählt dann von Karls Tod“. Auch Conrat Heyndörffer geht in seiner Bearbeitung des ,Huge Scheppeh, die 1500 gedruckt wird, vom Zykluscharakter der Epen aus; deswegen wird dort in einem Kurzreferat aus dem vorangehenden ,Loher' zitiert. 26