Sicht hierzu dar: „Zum Anwalt der Sorben sah sich dabei die selbst erst durch den Sieg der Großmächte zur Selbständigkeit gelangte und soeben erst gegründete Tschechoslowakische Republik berufen. Ihre besondere Legitimation hierzu sa¬ hen die Tschechen aufgrund folgender Faktoren gegeben: zum einen dadurch, daß sie sich innerhalb der slawischen Völkerfamilie als die nächsten Verwandten der Lausitzer Sorben betrachteten, und zum anderen durch ein besonderes staatsrecht¬ liches Verhältnis, demzufolge sie die Lausitz zum alten Territorium der böhmi¬ schen Krone zählten. Bis zum Prager Frieden von 1635 waren beide Lausitzen ein fester Bestandteil der böhmischen Krone gewesen.“2 In diesem Zusammenhang kam es - in Begleitung der tschechoslowakischen Dele¬ gation - zur Teilnahme des Begründers der Domowina und sächsischen Landtagsab¬ geordneten Amost Bart an den Nachkriegsberatungen in Versailles. Auch nachdem die weitestgehenden Ansinnen der Sorben gescheitert waren, gab es in den zwanziger Jahren spezifisch sorbisch-tschechische Beziehungen, die sich unter anderem in der Tatsache niederschlugen, daß die 1919 gegründete Wendische Volksbank mit tsche¬ chischem Kapital gestützt wurde. Noch in den ersten Jahren ihres Machtantritts sahen sich selbst die Nationalsozialisten veranlaßt, wegen massiver Protestdemonstratio¬ nen in der Grenzregion der Tschechoslowakei die Verfolgungen und Behinderungen der Sorben einzuschränken. 2. Sorbische Grenzgänger nach dem Zweiten Weltkrieg 2.1. Die Ausgangslage Das Ende des Zweiten Weltkrieges weckte bei vielen Sorben, nicht nur im engeren Kreis der Aktivisten in der sorbischen nationalen Bewegung, die Erwartung, daß sich nun bessere Bedingungen für die Verwirklichung der sprachlichen und kulturellen Interessen des kleinen slawischen Volkes ergeben würden. Bereits am 10. Mai nahm die wichtigste sorbische Organisation, die Domowina, ihre Tätigkeit wieder auf, und am 17. Mai 1945 erhielt sie hierzu von der regionalen sowjetischen Besatzungsbe¬ hörde für das Gebiet um Bautzen die offizielle Genehmigung. Zugleich gründeten Sorben im Prager Exil den Sorbischen Nationalausschuß /Narodny wuberk, der in al¬ len grundsätzlichen Fragen zunächst mit der Domowina und dem Sorbischen Natio- nalrat/Serbska narodna rada in der Lausitz konform ging. Vor allem stimmte man darin überein, eine Lösung der die Sorben betreffenden Fragen für die gesamte Lau¬ sitz innerhalb einer administrativen Struktur mit weitgehender kultureller Autono¬ mie anzustreben. Alternativ wurden anfangs jedoch auch Möglichkeiten einer Her¬ auslösung der Lausitz aus Deutschland und einer engen Bindung, gegebenenfalls auch ein Anschluß, an die Tschechoslowakei erwogen. In jedem Falle gingen die Führer der Sorben jedoch davon aus, daß die Tschechoslowakei, wie auch Polen und Jugoslawien, wichtige Verbündete in ihren Bestrebungen seien. So unterhielt die Do¬ mowina zu den Militärmissionen dieser Länder in Berlin Kontakte und informierte sie über wichtige Entwicklungen in der Lausitz und in der Sorbenfrage. 2 Friedrich Remes, Die Sorbenfrage 1918/1919. Untersuchung einer gescheiterten Autono¬ miebewegung (Schriften des Sorbischen Instituts 3), Bautzen 1993, S. 82. 126