Waltz entzog sich der Verhaftung durch die Flucht zunächst ins südwestfranzösische Agen, wo er von Gestapo-Häschern aufgespürt und auf offener Straße fast zu Tode geprügelt wurde, und dann durch die Flucht in die Schweiz, nach Lausanne, wo er die Jahre 1941-44 im Exil verbrachte. Jean-Jacques Waltz’ Grenzgängertum weist vor dem skizzierten Hintergrund seines biographischen Profils mehrere, zum Teil auf den ersten Blick äußerst widersprüch¬ lich erscheinende Facetten auf. Im Gegensatz zu allen anderen massenwirksamen, nationalistisch und pro-französisch ausgerichteten Schriftstellern der Jahrzehnte vor und nach dem Ersten Weltkrieg - wie Maurice Barrés, Erckmann-Chatrian, Alphonse Daudet und René Bazin - schrieb und publizierte Jean-Jacques Waltz zunächst aus¬ schließlich auf Deutsch und erst ab 1918 überwiegend - aber keinesfalls aus¬ schließlich - auf Französisch. Auch seine ersten publizistischen Arbeiten, die in den elsässischen Zeitschriften Hazweiss und Dur ’s Elsaß erschienen sind, wie das satiri¬ sche Porträt Ein Deutscher erster Klasse. Professor Rein-Jena aus dem Jahre 1907, waren in deutscher Sprache verfaßt. Einige seiner Werke, wie den satirischen Best¬ seller Professor Knatschke. Des grossen teutschen Gelehrten und seiner Tochter aus¬ gewählte Schriften hielt er für nicht beziehungsweise - wegen ihrer soziolektal ge¬ färbten Sprache - nur für außerordentlich schwer übersetzbar. Seine Bücher wurden in Colmar, aber auch in Paris und Mulhouse verlegt. Kunstausstellungen, die Waltz gewidmet waren oder Teile seines (im engeren Sinn) künstlerischen Werkes zeigten, fanden gleichfalls beiderseits der Grenze statt: So wurden seine Aquarelle und Zeichnungen 1901 und 1905 bei der Straßburger Kunstausstellung, 1908 im Salon de Paris und 1909 im Salon de la Palette in Mulhouse ausgestellt. 1910 fand in Paris in der Salle des Fêtes Gil Blas unter dem Titel “L’Alsace contre l’Allemagne” eine Aus¬ stellung politischer Karikaturen und Postkarten von Jean-Jacques Waltz statt, deren pro-französische und nationalistische Ausrichtung unter anderem auf die heftige Kri¬ tik René Schickeies stieß, des damaligen Korrespondenten der Straßburger Post in Paris. Waltz’ Werbepostkarte für die Ausstellung stellte ein Selbstporträt dar und be¬ nutzte seine Verurteilung durch deutsche Gerichte explizit als Werbemittel: “c’est une exposition des œuvres du célèbre caricaturiste alsacien poursuivi et condamné par les Tribunaux allemands” stand dort zu lesen.12 Noch als deutscher Staatsbürger erhielt Waltz, der sich erst im Anschluß an seine Verurteilung zu einer einjährigen Gefängnisstrafe im Sommer 1914 dazu durchrang, das Elsaß zu verlassen, 1913 ei¬ nen Preis der Académie Française für seine Histoire de l’Alsace. 1932 wurde er zum Mitglied des Institut de France ernannt - für einen Publizisten und Karikaturisten eine eher ungewöhnliche Auszeichnung - und in die französische Ehrenlegion aufgenom¬ men. Seine schulische Ausbildung erfolgte sukzessive in Frankreich und Deutsch¬ land: zunächst auf der deutschsprachigen Grundschule und am Kaiserlichen Gymasi- um in Colmar und dann, in den Jahren 1893-96, an der Ecole des Beaux-Arts in Lyon. Politisch konsequent, aber zugleich paradoxal erscheint schließlich seine Einstellung zum elsässischen Autonomiestatus, den er vor dem Ersten Weltkrieg, unter anderem 1912 als Gründungsmitglied des Parti National Alsacien Lorrain, nachhaltig unter¬ stützte und dessen rechtliche Möglichkeiten er als Publizist bis an ihre Grenzen aus¬ schöpfte. Nach 1918 zählte er hingegen zu den vehementesten Kritikern eines Son¬ 12 Zitat nach Perreau (wie Anm. 5), S. 91. 116