deutsch-französisch-skandinavische Freundeskreis führten dazu, daß Langen, der fundierte Kenntnisse der französischen und norwegischen Sprache besaß, wie wohl kein anderer deutscher Verleger seiner Zeit in drei Kulturkreisen zu Hause war. Durch seine Auslandsaufenthalte verfugte er über ein Verbindungsnetz, das einen Teil Europas bedeckte und das er bei seiner verlegerischen Tätigkeit zu nutzen ver¬ stand. Darüber hinaus regte er immer wieder auf privater Ebene kulturelle Begegnun¬ gen an, aus denen nicht selten grenzüberschreitende Freundschaften wurden. Langen war von enthusiastischem, kommunikativem Temperament und von konzili¬ anter Natur. Seine Spontaneität und Begeisterungsfähigkeit, die zur Verlagsgrün¬ dung geführt hatten, bewahrte er sich zeitlebens, wobei die Objekte seiner Begeiste¬ rung nicht unbedingt Bücher oder Kunstwerke zu sein brauchten.7 Herkunft, Tempe¬ rament und Lebensweg prädestinierten Langen zum Grenzgänger und Vermittler, und so erwies sich der Beruf des Verlegers, der ja par excellence ein vermittelnder Beruf ist, in seinem Fall wirklich als Berufung. Langens Rolle im französisch-deutschen Literaturtransfer Als Langen 1890 nach Paris kam, war die Hochblüte des französischen Naturalismus bereits vorbei. Das bestätigt eine Umfrage, die der Journalist Jules Huret 1891 bei 64 renommierten Schriftstellern veranstaltet hatte.8 Zwar ging es in dieser Umfrage in erster Linie um die Gruppenzugehörigkeit der Schriftsteller, doch stellte Huret stets auch die Frage nach der gegenwärtigen Situation des Naturalismus und nach seiner Zukunft. Wenn die Hypothesen, die Zukunft dieser Strömung betreffend, auseinan¬ dergingen, waren sich fast alle Schriftsteller darin einig, daß der Höhepunkt des Na¬ turalismus überschritten war, auch wenn fast niemand dessen Verdienste für die mo¬ derne Literatur leugnete (Einführung neuer sprachlicher Mittel, Präzision der Beob¬ achtung, Interesse für soziale Probleme und Konflikte). Die sich an diese Umfrage anschließende Diskussion war an Langen und anderen dazumal in Paris lebenden Schriftstellern und Kritikern, erinnert sei an Hermann Bahr, nicht spurlos vorüberge¬ gangen. Da die Literatur in Frankreich die Wendung zum Psychologischen bereits vollzogen hatte, war abzusehen, daß in Kürze im deutschen Sprachraum ebenfalls eine Rehabilitierung des Seelischen gegenüber dem “Sachlichen” und Sozialkriti¬ schen erfolgen werde. Außerdem war aus der französischen Debatte hervorgegan¬ gen, daß sich nach dem “Tod des Naturalismus” bzw. nach dessen “Überwindung” (H. Bahr), die moderne Literatur durch ein Nebeneinander verschiedenster Strömun¬ gen auszeichnen werde. Denn die befragten Schriftsteller hatten ohne Komplexe zu¬ gegeben, daß ihnen wettbewerbliches Denken nicht mehr fremd war und daß sie Um¬ stellungsstrategien nicht scheuten, wenn sich ihre Erfolgsaussichten innerhalb einer bestimmten Strömung verringerten. Da eine Aufsplitterung der modernen Literatur vorauszusehen war, verzichtete Langen von vornherein auf den Ehrgeiz, Verleger ei¬ 7 So übernahm Langen, selbst ein begeisterter Autofahrer, 1908 die Generalvertretung der Automobilfirma Züst und gründete im selben Jahr in München die erste “Bayerische Chauffeurschule”. 8 Sie erschien zwischen dem 3. März und dem 5. Juli 1891 zunächst im Echo de Paris und ei¬ nige Monate später als Buchausgabe unter dem Titel Enquête sur l’évolution littéraire. 91