men. So sehr die Angaben beider Chronisten inhaltlich differieren, so unverkennbar liegt ihnen der gleiche, psychologisch einleuchtende Abwehrreflex zugrunde: In den Augen der Rechtgläubigen erschien das ketzerische Gedankengut als wesensfremd, und diese beunruhigende Fremdheitserfahrung wurde gleichsam apotropäisch in den geographischen Raum projiziert. Daß ausgerechnet im königlichen Residenzort Orléans eine so gefährliche Irrlehre entstanden sein sollte, war für Radulf wie für Ademar ein unerträglicher Gedanke; beschönigend - fast entschuldigend - wirkt da¬ her die Feststellung, die Saat des Bösen sei von Auswärtigen in die Stadt emge- schleppt worden. Schon in der frühen Christenheit waren ähnliche Argumente ver¬ breitet: Der “wahre” Glaube galt denen, die sich auf apostolische Tradition beriefen, als das Bodenständige und Ursprüngliche, die Häresie dagegen als etwas von außen in die Gemeinschaft Hineingetragenes.6 Obwohl es sich bei der umherziehenden Italienerin ersichtlich um eine historiogra- phische Fiktion handelt, wäre es voreilig, Radulfs Erklärungsversuch als völlig wert¬ los abzutun. Denn schwerlich hätte er zu solcher Legendenbildung seine Zuflucht ge¬ nommen, wenn der geschilderte Hergang nicht zumindest theoretisch im Bereich des Möglichen gelegen hätte. Radulfs Ketzerpolemik verweist somit indirekt auf Formen räumlicher Mobilität, deren Vorhandensein aus anderen zeitgenössischen Quellen nicht zu erschließen ist: Immerhin sind italienische Händler, wie Heinrich Fichtenau hervorhebt, im nördlichen Frankreich nicht vor 1076 bezeugt.7 Für die Erforschung mittelalterlichen Grenzgängertums sind diese Beobachtungen nicht ohne Belang. Denn den Typus des Grenzgängers wird man im Sinne moderner Definitionen vorwiegend der Lebenssphäre der “kleinen Leute” zuzuordnen haben, und deren Existenzbedingungen lagen üblicherweise außerhalb des Wahmehmungs- bereichs der mittelalterlichen Schriftquellen. Anders aber verhielt es sich, sobald der Verdacht der Häresie ins Spiel kam. Aufgrund des tradierten Postulats der “Wach¬ samkeit”8 (und im wohlverstandenen Eigeninteresse) waren die kirchlichen Behör¬ den in derartigen Fällen zu gründlicher Recherche und Dokumentation verpflichtet. Zwar mag es sich bei Ademars rusticus um eine bloße Mystifikation handeln, um ei¬ nen Topos publizistischer Ketzerbekämpfung. Wenn es jedoch galt, eine im Volk verwurzelte Häresie zielgerichtet auszumerzen, konnte man sich nicht mit der Repro¬ duktion überkommener Stereotypen begnügen. So entwickelte die Inquisition des 13./14. Jahrhunderts im Languedoc Befragungsmethoden, die in ihrem Ergebnis ein bemerkenswert detailreiches Bild der ländlichen Lebensverhältnisse vermitteln. Wie minutiös sich anhand einschlägiger Vemehmungsprotokolle der bäuerliche Alltag 6 Daß diese ideologisch gefärbte Sichtweise nicht immer mit den historischen Fakten in Ein¬ klang zu bringen ist, zeigte erstmals der Neutestamentler Walter Bauer, Rechtgläubigkeit und Ketzerei im ältesten Christentum (Beiträge zur historischen Theologie 10), Tübingen 21964. 7 Heinrich Fichtenau, Ketzer und Professoren. Häresie und Vemunftglaube im Hochmittelal- ter, München 1992, S. 25. 8 Schon der Apostel Paulus betrachtet die Häresie als eine Herausforderung, der gegenüber sich der Rechtgläubige zu bewähren habe: Nam oportet et haereses esse, ut et qui probati sunt, manifesti fiant in vobis (1. Kor 11,19 in der Fassung der Vulgata). 62