und Methoden zu finden, die solchen komplexen Voraussetzungen von Literatur gerecht werden können, die als integrativer Teil der Weltliteratur eine komple¬ mentäre Funktion gegenüber Nationalliteraturen kennzeichnet. Für den exemplarischen Auftakt kann man von einem Konzept ausgehen, z.B. dem des rußlanddeutschen Publizisten Herold Beiger.2 Es sei „schon seltsam“, so schreibt der Schriftsteller und Kritiker 1992 aus der kasachischen Hauptstadt Alma-Ata (Almaty) über die „rußlanddeutsche Literatur“, „daß es sie immer noch“ gebe. Ohne einen „einheitlichen Namen“, „arm und blaß, in altmodi¬ schem Gewand, erniedrigt, verwirrt durch die eigene Einsamkeit und Unnah¬ barkeit, ideologisch gefesselt“, habe sie „ihrem verbotenen Volk“ gedient, „dessen Leid, seine Trauer, seltener stille Freuden oder beharrliche Hoffnung“ ausdrückend. Die Situation sei dramatisch, denn „die Sprache schwindet, der Ethnos geht unter, die Literatur stirbt“. Belgers Konzeptangebot ist insofern für die sachlichen, methodischen und per¬ sonellen Probleme unseres Anliegens aufschlußreich, weil er die Parameter da¬ für ex negativo anbietet. Ein undifferenzierter Literaturbegriff definiert ru߬ landdeutsche Literatur als gruppenintemes Literaturphänomen, in der ethnozen- trierten Funktion selbstreferentiell angelegt, um Minderheit und Identität über die Dokumentation von Geschichte, Muttersprache und Literatur gewordener Minoritäten weit zu belegen und zu sichern. Das aber habe nicht gelingen kön¬ nen, moniert Beiger, weil diese Literatur, kontinuierlich von außen bevormun¬ det, in die literarästhetische Unzulänglichkeit als Opfer von Klerikalismus, So¬ zialismus und Kapitalismus gesteuert worden sei, an die innenpolitischen Be¬ dingungen wie die ,anderen Literaturen dem Sowjetsystem4 zwangsläufig aus¬ geliefert, was als geklitterte Literaturgeschichte - man denke an die kirgisische Dichtung und Tschingis Aitmatow - den eigenen ideologischen Konformismus in der Rolle des Zensuropfers relativieren soll.3 Schöne, Albrecht (Hrsg.): Akten des VII. Kongresses der Internationalen Vereinigung für germanische Sprach- und Literaturwissenschaft, Bd.9, Tübingen 1986, S. 197-207. Beiger, Herold: Stirbt die russlanddeutsche Literatur? (ca. 1992; kopiertes Typoskript). Wie Johann Warkentin (Jg. 1920) so gehört auch Herold Beiger (Jg. 1934) zu den führenden Literaturkritikern rußlanddeutscher Literatur. Beide haben die Literaturentwick¬ lung durch öffentliche Äußerungen über Jahrzehnte im Sinne der ideologischen Forde¬ rungen des sozialistischen Realismus maßgeblich mitgesteuert. Beider postkommunisti¬ sche Äußerungen über den Sozialismus als historischen Unfall und sich selbst als um¬ ständehalber gezwungener Mitwirkender veranschaulichen eine Dimension des Dilemmas von Literatur unter Sprachminderheitenumständen, staatlicher Kulturpolitik und Literatur¬ kritik. Vgl. zu Beiger, Herold: „Das hohe Credo des Künstlers“, in: Berger, Herold: Inmitten Zeitgeschehens. Literarkritische Notizen, Alma-Ata 1985, S. 8-11; ders.: Der Verwandtschaft traute Züge, Alma-Ata 1981 (darin die programmatischen Reden auf dem VI. und VII. Kongreß der Schriftsteller Kasachstans, S. 4-15, 120-127). Zu Warkentin, Johann: „Auf großer Fahrt (Über Rudolf Jacquemien)“, in: Zweig eines großen Baumes, 378