Friedrich Prinz Sprache und Nation in den Böhmischen Ländern (1848 - 1938) Am 11. Mai 1912 richtete der Gemüsehändler Johann Lehar in Hohenstadt (Zabeh), Mähren, folgende Beschwerde an den Wiener Verwaltungsgerichtshof: Er habe seine schulpflichtige Tochter Anna in die deutsche Volksschule Ho¬ henstadt geschickt, wogegen der tschechische Schulrat Einspruch erhob. Er wies nämlich auf ein entsprechende Bestimmung des „Mährischen Ausgleichs“ zwischen Tschechen und Deutschen aus dem Jahre 1905 hin, wonach sich Jo¬ hann Lehar in den tschechischen National-Kataster eingetragen und sich damit eindeutig als Tscheche bekannt habe, also verpflichtet sei, sein Kind Anna in die tschechische Volksschule zu schicken. Was es mit dem „Mährischen Aus¬ gleich“ und den getrennten Nationalkatastern für Tschechen und Deutsche auf sich hatte, davon wird noch die Rede sein. Im Fall des Gemüsehändlers Lehar wies dieser darauf hin, daß er mit Rücksicht auf seine tschechische Kundschaft sich unter dem Druck des tschechischen Ortsschulrats damals als Tscheche in den Nationalkataster habe eintragen lassen, aber bei der letzten Volkszählung die deutsche Sprache als Umgangssprache angegeben habe; auch sei er Mitglied der deutschen Feuerwehr und des „Bundes der Deutschen“ Nordmährens. Die Argumentation ist vor allem deshalb aufschlußreich, weil sie Einblick in die jeweiligen auch sozialen Motivationen des Nationalbekenntnisses vermittelt, aber auch in die Variablen eines solchen Bekenntnisses. Wirtschaftliche Interes¬ sen spielten dabei ebenso eine Rolle wie Besorgnisse über massiven Druck der nationalen Parteien; desgleichen ergab sich bei der Beratung des Verwaltungs¬ gerichts über den Fall Lehar, daß mit dem Zwang des Nationalkatasters, sich zu einer bestimmten Nation zu „bekennen“, das verfassungsmäßig garantierte Recht der Eltern, ihre Kinder in eine ihren Interessen entsprechende Schule zu geben, doch recht empfindlich a priori eingeschränkt wurde. Als massenpsychologischer Hintergrund muß der nationalistische Kampf um die Schulkinder erwähnt werden, mit dessen Hilfe man künftig den zahlenmäßigen „Sieg“ der einen Nationalität über die andere in einer Stadt oder Landgemeinde zu erlangen gedachte. Diesem Zweck dienten die zahlreichen deutschen wie tschechischen privaten Schulvereine, die oft Jahrzehnte lang das Geld aufbrach¬ ten, um in gemischtsprachigen Orten Schulen für die eigene Nationalität unter¬ halten zu können. Dies wäre an und für sich kaum tadelnswert gewesen, wenn 327