ich gesprochen habe) halten den Denkmalstreit für ein durch die Presse ge¬ schaffenes Scheinproblem. Viele Polen nehmen es dennoch sehr ernst. Sicher nicht nur auf der deutschen Seite gibt es Leute, die in nationalistischem Eifer Gefühle und Erfahrungen anderer mißachten. Die sich daraus ergebende Politik (auch Sprachenpolitik), die sich auf Straßen abspielt oder auf Mauern geschrieben steht, wird uns im folgenden nicht interessieren. Um aber die Stimmung in der Region darzustellen, müssen wir hier auch solche politischen Tatsachen erwähnen, wie deutsche provisorische Ausweise, die durch die sog. neue deutsche Administration ausgestellt wurden, Neonazi-Propaganda der deutschen „Nationalen Initiative“ in Dziewkowice-Frauenfeld oder eine Vergel¬ tungsaktion der polnischen Skinheads gegen unschuldige deutsche Bewohner desselben Dorfes. Übrigens hieß das Dorf bis in die dreißiger Jahre Schewko- witz, dann Frauenfeld und heute Dziewkowice (der alte Name war nur eine Anpasssung eines slawischen Wortes an die deutsche Phonetik). Der Bürger¬ meister von Dziewkowice hat jetzt wieder eigenmächtig eine deutsche Ortstafel aufgestellt, was zu einem Konflikt mit den Wojewodschaftsbehörden geführt hat. Einer der Vertreter der deutschen Minderheit, Dietmar Brehmer, lud während eines offiziellen Besuches der Minderheit in Bonn auch den polnischen Bot¬ schafter zu einem (so glaubten andere) innerdeutschen Gespräch ein; er wurde deswegen „polnischer Agent“ genannt. Brehmers Deutsch-Polnische Arbeits¬ gemeinschaft „Versöhnung und Zukunft“ stellte bei den letzten Parlaments wäh¬ len, getrennt vom Rest der Minderheit, eine eigene Liste auf. Obwohl Brehmer in Kattowitz-Katowice mehr Stimmen erhielt als seine deutschen Kollegen in Oppeln, waren es in der größten Stadt Schlesiens (im Unterschied zu Oppeln) zu wenig, um einen Sitz zu erringen. Heute hat die deutsche Minderheit im polnischen Sejm 3 Abgeordnete und im Senat einen Senator. Die Zahl ist um 3 Parlamentarier weniger als in der vori¬ gen Wahlperiode. Andere Minderheiten, die vor zwei Jahren auch vertreten wa¬ ren, haben es dieses Mal gar nicht geschafft. Außer den Deutschen gibt es nur einen Ukrainer, der übrigens nicht über die Minderheitenliste, sondern die Par¬ teiliste von Unia Wolnosci (Freiheitsunion) gewählt wurde. Alle deutschen Ab¬ geordneten wurden in der Wojewodschaft Oppeln gewählt. In dieser Wojewod¬ schaft ist die deutsche Minderheit in 60 Gemeinderäten vertreten, wobei sie in der Hälfte von ihnen die Mehrheit bildet. Um das Phänomen des Wiedererwachens des Deutschtums in dem 200 km von der Grenze entfernten Gebiet zu verstehen, muß man in die Vergangenheit blicken. In Oppeln, wie in ganz Oberschlesien, mußte nach dem Ersten Welt¬ krieg eine Volksabstimmung durchgeführt werden. Die Mehrheit der Stimmen wurde dort für Deutschland abgegeben. Dies sind die Tatsachen, unabhängig von polnischen und deutschen Vorwürfen gegen den Verlauf der Abstimmung. 319