in ihren jeweiligen Gebieten.45 Auch durch die Kodifizierung der makedoni¬ schen Standardsprache (s.o.) fiel das betreffende Gebiet aus dem Geltungsbe¬ reich der bulgarischen bzw. serbokroatischen Standardsprache heraus. Abspaltung kann sich aber auch aus Wanderungsbewegungen ergeben. Bei Auswanderung in eine fremde sprachliche Umgebung bleibt zunächst das sprachliche Kontinuum nicht gewahrt. Diese fehlende Verbindung mit der sprachlichen Heimat kann dazu führen, daß eine neue kodifizierte Sprachform entsteht, die nur die betreffende Sprachinsel überdacht.46 Auch dafür gibt es in der Slavia Beispiele. Genannt seien hier die Burgenländer Kroaten, die Banater Bulgaren47 und die Rusinen in der Vojvodina 48 deren Standardsprachen z.T. als Amtssprachen verwendet werden. Bemerkenswert ist, daß in der Slavia auch in neuester Zeit, im Zeitalter der elektronischen Medien und der Massenkommunikation, noch Abspaltungsbe¬ strebungen feststellbar sind. Gegenwärtig sind es insbesondere Vorschläge für zwei neue Standardsprachen. Die eine ist im Grenzgebiet zwischen Weißru߬ land und der Ukraine, dem Polis’e, angesiedelt und wird als „jitvjeza voloda” bezeichnet; sie stellt eine Abspaltung vom Geltungsbereich der weißrussischen und der ukrainischen Standardsprache dar.49 Die andere, „vicska gavenda” oder „vicski janzyk”, beansprucht Geltung für die slavischsprachige Bevölkerung des Gebiets um Wilna, die sich sonst der polnischen Standardsprache bedient.50 Inwieweit diesen Vorschlägen Erfolg beschieden sein wird, bleibt abzuwarten. 45 Dabei ist allerdings zu beachten, daß die russische Standardsprache in der Ukraine und in Weißrußland, wie bereits erwähnt, weiterhin eine sehr wichtige Rolle spielt. Dies zeigt sich u.a. darin, daß die größeren Städte wenn nicht sogar einsprachig russisch, so doch zumindest zweisprachig waren (und sind). Des weiteren haben sich umgangssprachliche Mischformen (ukrainisch-russisch bzw. weißrussisch-russisch) herausgebildet. Schlie߬ lich wurden Ukrainisch und Weißrussisch bei Reformen der Kodifizierung seit den drei¬ ßiger Jahren bewußt dem Russischen angeglichen (vgl. Wexler 1974). Im Falle des Weißrussischen ist zusätzlich der Einfluß der polnischen Standardsprache in Rechnung zu stellen, was zu einer „diglossia et schizoglossia perpetua” geführt hat (Wexler 1992). 46 Daneben konnte aber auch die Standardsprache der Heimat übernommen werden, wie das etwa für die Slowaken in der Vojvodina oder die Bulgaren in der Ukraine typisch ist. 47 Vgl. Stojkov 1967. Die Standardsprache schien nach dem zweiten Weltkrieg ausgestor¬ ben zu sein, aber seit 1990 wird sie wieder für Veröffentlichungen benutzt. 48 Vgl. zu ihnen Gustavsson 1981 und 1992 und Birnbaum 1983. Rusinisch war eine der fünf Amtssprachen in der Autonomen Provinz Vojvodina der Serbischen Republik im Rahmen der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien (vgl. dazu Mike§ 1992). Welche Stellung das Rusinische innerhalb des heutigen Jugoslawien hat, entzieht sich meiner Kenntnis. 49 Vgl. dazu Tolstoj 1990. 50 Dieser Vorschlag ist selbst in der Slavistik kaum bekannt. Die einzigen Veröffent¬ lichungen dazu scheinen Nagörko 1991 und 1995 zu sein. 291