sehenswert, sondern auch für die Soziolinguistik allgemein; allzu oft liegt der slavische Raum außerhalb des Blickfelds dieses Faches.5 Was bezüglich der unbefriedigenden Forschungslage auf dem Gebiet der Spra¬ chenpolitik in der Slavia allgemein festzustellen ist, gilt in noch stärkerem Maße für die Sprachenpolitik in den Grenzgebieten der Slavia, obwohl ihre Er¬ forschung besonders aufschlußreich wäre. Aufgrund der unglücklichen Ver¬ quickung von Staat, Volk und Sprache (ein Staat, ein Volk, eine Sprache) wer¬ den sprachliche Grenzgebiete nämlich oft als ähnlich gefährdet angesehen wie staatliche. Wie staatliche Grenzen politisch und militärisch geschützt werden, so meint man sprachliche Grenzen sprachenpolitisch sichern zu müssen. Deshalb kommt der Sprachenpolitik in Grenzgebieten für die Forschung besondere Be¬ deutung zu: sie bündelt gleichsam die allgemeinen sprachenpolitischen Be¬ mühungen, die für das ganze Sprachgebiet gelten, und verstärkt und ergänzt sie, wenn das als notwendig erachtet wird. Dabei treten die Grundzüge der all¬ gemeinen Sprachenpolitik schärfer hervor. Darstellung und Untersuchung von Sprachenpolitik in Grenzgebieten ist deshalb nicht nur für die unmittelbar be¬ troffenen Gebiete aussagekräftig, sondern erlaubt Rückschlüsse auf das gesamte Sprachgebiet. Bevor ich mich der Darstellung der Sprachenpolitik in den Grenzgebieten der Slavia zuwende, sind noch einige Begriffe zu erläutern und einige allgemeine Angaben zum Untersuchungsgegenstand zu machen. „Sprachenpolitik” ist ein Teil dessen, was heute meist als Sprach(en)planung bezeichnet wird.6 Unter Sprach(en)planung versteht man jegliche bewußte Einflußnahme auf Sprache(n) oder den Versuch dazu. Die bewußte Einflu߬ nahme kann sich dabei auf eine einzige Sprache beschränken (Purismus, Aus¬ bau des Wortschatzes, Kodifizierung usw.); dafür bietet sich der Begriff „Sprachpolitik” an. Für die bewußte Einflußnahme auf das Verhältnis zwischen Sprachen (Vorschriften über Verwendung bestimmter Sprachen, Sprachverbote 5 Eine solche umfassende Darstellung, die Slavistik wie Soziolinguistik gleichermaßen zufriedenstellt, kann und soll hier nicht geboten werden. Der folgende Beitrag untersucht nur einen Ausschnitt aus dem ganzen Problemfeld. Da er sich eher an eine nicht-slavi- stische Leserschaft richtet, stelle ich vieles wenigstens kurz dar, was in einem anderen Zusammenhang vorausgesetzt würde. Aus dem gleichen Grund ist nach Möglichkeit nur Literatur in Sprachen angeführt, deren Beherrschung eher vorausgesetzt werden kann, als dies bei slavischen Sprachen der Fall wäre. 6 Vgl. zur Begrifflichkeit etwa Gröschel 1982. Sie ist auf diesem Gebiet der Sprachwissen¬ schaft (wie auch anderswo) nicht einheitlich. Der Oberbegriff „Sprachplanung” ist wohl eine Lehnübersetzung von „language planning”. Die im Deutschen mögliche Unterschei¬ dung (Sprachplanung/Sprachenplanung) wird dabei nicht genutzt. 274