sehe bzw. französische Laute gewöhnte Hunde und Ziegen bei den neuen, an¬ derssprachigen Kommandos nicht mehr parierten,75 Die Szene besitzt Symbol¬ wert für die Absurdität der Lage. Denn offenbar können Tiere sich schwerer anpassen als Menschen. Es wäre reizvoll, eine Erzählung wie Harts „Armi Kin¬ der“ dagegenzustellen, die den mehrfachen Sprachenwechsel einer Familie zum Inhalt hat. Sie verdeutlicht exemplarisch, welche chronischen Skeptiker und zugleich Anpassungsnaturen die ständige Umerziehung einer Grenzbevölkerung fast zwangsläufig förderte.76 Wer die Fülle entsprechender Grenzlandtexte mustert, darf sich nicht entmuti¬ gen lassen. Deprimieren könnte gewiß, wie über lange Zeit ein Großteil der Autoren lediglich als Handlanger und Schrittmacher gewünschter nationaler Tendenzen funktionierte. Viele Stellungnahmen waren schlicht Propaganda¬ kämpfe in eigener Sprachsache, weniger Plädoyers für den mehrsprachigen europäischen Brückenschlag. Einstige Oppositionelle gegen ,kulturelle Verge¬ waltigung4 hielten sich dabei nach den in ihrem Sinn erfolgten politischen Ver¬ änderungen nun fast immer ,vornehm4 zurück. Doch nicht nur solches Allzumenschliche finden wir in den Texten, sondern zugleich auch die wegweisende, hoffnungsspendende Minderheitsmeinung, die gewiß nicht unterschätzt werden soll, weil ihre Verbreitung so lange auf sich warten ließ oder läßt. Denn bei aller Skepsis dürfen wir feststellen, daß die ge¬ genwärtige Situation zumindest einen bescheidenen Aufbruch zu neuen Ufern erlaubte. Und wir sehen den verhaltenen Optimismus eines 1981 geschriebenen Manifests von Adrien Finck, André Weckmann und Conrad Winter noch nicht desavouiert, wo es heißt: „Wir leben von Utopien, wir Realisten. René Schickele sprach vom ,geistigen Elsässertum4, wir nennen die Idee heute ,Konvivialität am Rhein4. Unsere Heimat sehen wir als eine Heimstatt des Dialogs zwischen den Sprachen und Kulturen, die sich hier begegnen. [...] Also dichten wir. Deutsch [...]. In dieser Sprache haben wir keine Väter, und die Großväter liegen in Tru¬ hen, zu denen man uns die Schlüssel gestohlen hat. In dieser Sprache soll nichts Abgestorbenes wiederentdeckt werden, kein Volkstum verherrlicht und kein Haß gepredigt. In dieser Sprache legen wir die Keime eines Neubeginns.“77 75 Dill: Grenzpfahl, S. 207-209; vgl. als Erweiterung des Motivs: Kieffer: „Fon de Katz“, in: Schmitt/Fox: Mund-Art, S. 111. 76 Hart: Erinnerungsland, S. 169-181. 77 Finck/Weckmann/Winter: Sprache, S. 4. 269