Dies änderte sich allerdings schlagartig mit dem Ersten Weltkrieg, als im Zuge „geistiger“ Mobilisierung der „herausfordernde“ öffentliche Gebrauch von Französisch als „deutschfeindliche Kundgebung“ angesehen und mit Gefängnis bis zu zwei Jahren bedroht wird. Französischsprachige Aufschriften an Geschäf¬ ten, Gräbern, Geschäftsbriefköpfen oder Waren werden verboten - eine nun deutliche Abgrenzung, die 1918, nach dem deutschen Rückzug, mit vertausch¬ ter Tendenz beibehalten wird. Denn jetzt erfolgt als Reaktion der Bevölkerung - worauf viele Autoren verweisen21 - eine spontane Hinwendung zum Franzö¬ sischen, die zunächst mehr nationale Sympathieerklärung als rationale Ent¬ scheidung ist. Die Konsequenzen werden erst bedacht, als die Pariser Regierung ihr Sprachprogramm energisch umsetzt. Noch 1918 wird Französisch Verwaltungs- und Unterrichtssprache, Deutsch¬ sprechen (in der Schule) streng untersagt.22 Ein massiver Import von Lehrern aus Innerfrankreich, die zugleich Aufsichtsfunktionen wahrnehmen, flankiert den Erlaß. Hinzu kommen vielfache kulturelle Begleit- und Werbemaßnahmen (Theater, Künstler, Vorträge usw.). Erst 1926 wird das Fach Deutsch ab dem dritten Schuljahr wieder (dreistündig in der Woche) zugelassen. Daraufhin setzt - die Fülle der Zeugnisse läßt (auch bei Berücksichtigung deutschfreundlicher agitatorischer Absichten) keine andere Diagnose zu - eine gewisse Ernüchte¬ rung ein. Denn natürlich gilt, zumindest bei der elsässischen Bevölkerung, was Marie Hart 1930 mit beißender Ironie formulierte: „[...] was meinen Ihr, was unseri Büüre gere französisch geredt hätte, wenn m’r se nit gezwunge heätt, ditsch ze redde! Dies word e Freid genn, wenn se wieder ihri alt Sproch herüshole könne!“23 Die Umstellungsprobleme sind enorm. Schließlich läßt sich eine Sprache „nicht so leicht wie Geld und Briefmarken außer Kurs setzen.“24 Und die verschämte Überpinselung deutscher Ortsnamenschilder, die ein serviler Präfekt angesichts der Präsidenten visite umgehend anordnet,25 gehörte noch zu den leichtesten Veränderungen. Gravierender sind z.B. konkrete Auswirkungen auf den Schul¬ betrieb. Denn jetzt regiert, von kritischen Autoren weidlich verspottet, die „méthode directe“, jene Verordnung, von heute auf morgen nurmehr in Franzö- 21 Bazin: Bakus, S. 77-79; Uentze: Trikolore, S. 25, 27. 22 Vgl. Höfler: Weg, S. 142; Merckling: Grenzland, S. 133; Thil: Toten, S. 25-29. Auf ein bezeichnendes politisches Lehrstück, das die Folgen solcher Schüler-Stigmatisierungen zum Inhalt hat, verweist C.J. Becker in „Ceux de la classe 33“ (Contes, S. 14 f). 23 Hart: Fraubaseg’spräch, S. 132. 24 Uentze: Trikolore, S. 219. 25 Ebd.: S. 311. 256