Treitschkes nehmen, der die zunehmende „Verwälschung“ als Folge französi¬ scher Sprachenpolitik beklagt:112 - Mißachtung des Elsässischen als einer barbarischen Sprache; - in den Kindergärten, den salles d’asyle, suche man den Kindern die Mut¬ tersprache auszutreiben; - Frauen läsen vorwiegend französische Bücher; - während die Sprache des Dorfes noch das Deutsche sei, zögen die städti¬ schen Oberschichten das Französische vor; - die Schulverwaltung suche das Deutsche als Unterrichtssprache auszurot¬ ten. Unglücklicherweise waren diese Klagen über die mangelnde Verwirklichung der sprachlichen Grundrechte nicht ganz aus der Luft gegriffen, und so tauchen die Beschwerden über die französische Sprachpolitik in der deutschen Polemik von nun an bis 1918 und darüber hinaus immer wieder auf.112 Der Kampf um den Gebrauch der Muttersprache ging von den jakobinisch-unitaristischen Ten¬ denzen der Französischen Revolution aus.114 Der Nationalkonvent z.B. hatte 1794 befohlen, Bericht zu erstatten über „la nécessité et les moyens d’anéantir les patois et d’universaliser l’usage de la langue française“.115 Niemand konnte freilich dem französischen Staat den Wunsch bestreiten, die Kenntnis der 112 Treitschke (Anm. 57), S. 310. Dagegen wiederum polemisiert Michiels (Anm. 80), S. 47f. und betont Frankreichs Liberalität in Sprachfragen seit dem Frieden von Ryswick im J. 1697, was aber die nachrevolutionären Verhältnisse nicht trifft. 112 Socin, Adolf: Schriftsprache und Dialekte in Deutschland, Heilbronn 1888, S. 510ff.; Ruppel, A.: „Der Sprachenkampf in Lothringen vor 1870“, in: Elsaß-Lothringische Kul¬ turfragen 3 (1913), S. 16-34 [vorwiegend Referat nach G. May, Anm, 114]; Kaiser Hans: Der Kampf gegen die deutsche Sprache in den elsässischen Schulen von 1833- 1870, Straßburg 1913 (Elsaß-Lothringische Kulturfragen 3, H. 4/5) [vorwiegend gegen F. Eccard, Anm. 114, gerichtet]; Martinet, Henri: La Lorraine allemande. Ein Kapitel deutsch-französischen Sprachen- und Kulturkampfes vor 1870, Basel (Verlag Emst Finkh) 1918; König, Friedrich: Deutsch-Lothringen. Stammestum, Staat und Nation. Zugleich ein Beitrag zur elsaß-lothringischen Frage und zum deutschen Westproblem, Berlin 1923, S. 64ff. 114 Vgl. zur Darstellung der Sprachen- und Schulpolitik auf französischer Seite u.a. Wirth, Joseph: La langue française dans les départements de l'Est, Paris 1867; Eccard, Frédéric: Die französische Sprache im Elsaß, Strassburg 1910 [zuerst in frz. Sprache erschienen in: Elsässische Rundschau, Bd. XII, Nr. 1]; grundlegend, wenn auch einseitig, ist May, Gaston: La lutte pour le Français en Lorraine avant 1870. Étude sur la propagation de la langue française dans les départements de la Meurthe et de la Moselle, Paris/Nancy 1912 (Annales de l'Est 26, fase. 1); Lévy, Paul: Histoire linguistique de l’Alsace et de la Lorraine germanophone, 2 Bde., Strasbourg/Paris 1929, hier Bd. 2, S. 196ff. 115 Vgl. May (Anm. 114), S. 45ff.; Kaiser (Anm. 113), S. 3ff.; Martinet (Anm. 113), S. 21ff. 236