Dänemark, bekräftigte. Minderheitsfragen werden seitdem grundsätzlich als in¬ nenpolitische Angelegenheiten aufgefaßt, sie berühren das Verhältnis des Staa¬ tes zu seinen eigenen Bürgern. Dies bildet die Voraussetzung für ein seitdem gedeihliches Miteinander der integrierten4 nationalen Minderheiten im Grenz¬ raum, die nunmehr freilich wehrlos dem Assimilationsdruck der Mehrheit aus¬ gesetzt sind und insofern um ihr Überleben kämpfen müssen. Das Zugeständnis von Individualrechten schließt überdies kollektive Privilegierungen der grenz¬ überschreitenden Ethnien, z.B. ein territorial definiertes Sprachenschutzgesetz, eher aus. IV Die heutige Sprachsituation im deutsch-dänischen Grenzgebiet ist gekennzeich¬ net durch unterschiedliche Mehrsprachigkeitskonstellationen, die als Mo¬ mentaufnahme den dynamisch sich vollziehenden Sprach Wechsel von den alten Volkssprachen Spnderjysk, Friesisch und Niederdeutsch zu den landfremden Nationalsprachen Hochdeutsch bzw. Rigsdansk festhalten. Extreme Mehrspra¬ chigkeit, die nur als individuelle vorkommt, indiziert eine unmittelbar bevor¬ stehende Wende zur Zwei- oder Einsprachigkeit. Innerhalb der jeweiligen Kommunikationsmodelle wird der Varietätengebrauch - je nach Zusammenset¬ zung des Registers - durch verschiedene Einstellungen (Attitüden) gesteuert, wie es beispielhaft am sprachlichen Handeln der deutschen Minderheit Nord- schleswigs2^ aufgezeigt werden kann. Diese Volksgruppe vertritt einen Sprach¬ gemeinschaftstyp, der zwei Standardsprachen (Rigsdansk, Hochdeutsch) und eine Volkssprache (Spnderjysk) kennt; davon wird eine der Hochsprachen vor¬ zugsweise nur für informell-privatisierte Zwecke, d.h. als low-Variante, ver¬ wendet (Typ: verkehrte Diglossie mit Bilingualismus). Die Größe der deutschen Minorität - es handelt sich vielleicht um 15-20.000 Personen, die über das Kemgebiet um Tingleff und nach Südosten und Westen hin verstreut in den alten deutschsprachigen Wirtsorten von Apenrade bis Lü- gumkloster wohnen - kann nur geschätzt werden, da sie sich weder ethnisch noch religiös, noch national oder sprachlich eindeutig als homogene Gruppe von der dänischen Mehrheit unterscheidet. Da auch die Sozialstruktur beide Volksteile nur unwesentlich trennt, bleibt diese Minderheit am ehesten über die Mitgliedschaft im ,Bund deutscher Nordschleswiger4 (ca. 4.000), also über das Gewissensprinzip, greifbar. Diese Gruppenzugehörigkeit weist sich demnach entscheidend durch das Krite¬ rium der Selbsteinschätzung aus, m.a.W. durch das Bekenntnis zur deutschen 26 Zur deutschen Volksgruppe Nordschleswigs s. Sievers (Hrsg.): Beiträge (1975); Boehm: Politische und kulturelle Entwicklung (1987); Johannsen: „Deutsche Volksgruppe“ (1993), S. 41-72; Bruns: Feindschaft (1995). 149