ihren Fürstentümern voraussichtlich nachfolgen werden, an Orte zu senden, wo sie diese Sprachen erlernen können, oder ihnen in ihren eigenen Häusern spra¬ chenkundige Erzieher, Lehrer und Gespielen zu geben, damit sie gleichermaßen durch Umgang und Unterricht diese Sprachen erlernen können.“28 Die Empfehlungen aus dem Schlußkapitel der Goldenen Bulle von 1356, deren zitierter Text als persönlichste Einwirkung des Kaisers gilt,29 reichen über ein Bewußtsein, im eigenen Reich über sprachlichen Reichtum zu verfügen, wohl noch hinaus, denn gerade der Herrscher soll ja durch eigene Sprachkenntnisse sich die persönliche Chance verschaffen, die Sprachvielfalt zu meistern, ihr ge¬ wachsen zu sein und sie gleichwohl in ihrer Substanz nicht anzutasten. Darin liegt ein beachtenswerter Unterschied zu Stephans des Heiligen Ratschlägen an seinen Nachfolger, die er in seiner Institutio morum fixierte und die zu den her- ausragendsten Zeugnissen für mittelalterliche Sprachentoleranz gehören. König Stephan von Ungarn (997-1038) wußte um den Wert von „Gästen“ (hospites) und Fremden (adventicii), die sein bevölkerungsarmes Land dringend benö¬ tigte. Dabei empfand er das alte Rom durchaus als vorbildhaft für sein eigenes Reich, und so lautete sein Ratschlag: „Wie nämlich aus den verschiedenen Lan¬ desteilen und Provinzen Gäste kommen, so bringen sie verschiedene Sprachen und Gewohnheiten, unterschiedliche Fertigkeiten (? - documenta) und Waffen mit sich. All das schmückt Königreiche, verleiht dem Herrscherhof Glanz und versetzt der Überheblichkeit von Nachbarn einen anhaltenden Schrecken.“ Und dann formulierte König Stephan unmittelbar anschließend einen Satz, der künftigen Jahrhunderten und noch unserer eigenen Zeit in den Ohren dröhnen müßte: „Denn ein Reich mit nur einer einzigen Sprache und nur einem einzigen Brauchtum ist energielos und zerbrechlich“ (Nam unius lingue uniusque moris regnum inbecille et fragile est)\30 * Es soll knapp resümiert werden: Sprachpolitik im engeren Sinne einer auf eine einzelne Sprache bezogenen Politik ist im Mittelalter ebenso nachweisbar wie Sprachenpolitik, die zugunsten einer, zumeist der eigenen Sprache, andere Sprachen zu dominieren und wohl auch zu verdrängen sucht. Die vorläufige 28 Ebd. S. 99. 29 Zeumer, Karl: Die Goldene Bulle Kaiser Karls IV., Weimar 1908, S. 109; vgl. Schneider, Reinhard: „Karls IV. Auffassung vom Herrscheramt“, in: HZ Beiheft 2 (1973), S. 133 f. 30 „De institutione morum ad Emericum ducem, IV. De detencione et nutrimento hospitum“, Györffy, György (Hrsg.): Wirtschaft und Gesellschaft der Ungarn um die Jahrtausend¬ wende, Wien, Köln, Graz 1983, Anhang, S. 259. Vgl. Zimmermann, Harald: „Die deutsch-ungarischen Beziehungen in der Mitte des 12. Jahrhundert und die Berufung der Siebenbürger Sachsen“, in: Lorenz, S. u. Schmidt, U. (Hrsg.): Von Schwaben bis Jeru¬ salem. Facetten staufischer Geschichte, Sigmaringen 1995 (Veröffentlichungen des Ale¬ mannischen Instituts 61), S. 164 (mit weiterer Literatur). 75