IV. Stellung der Sprache im Schul- und Bildungsbereich Meint man es mit der Achtung der kulturellen Eigenheit von Minderheiten ernst, so verlangt dies auch nach Konsequenzen im Schul- und Bildungsbereich, als dem wohl wichtigsten Problemfeld der Sprachen- und Minderheitenpolitik überhaupt. Der Ausgangspunkt dürfte dabei außer Streit stehen: Sprache und Kultur als die Träger der kollektiven Identität einer Gruppe werden durch Er¬ ziehung tradiert, sind also elementar auf Erziehung angewiesen. Ist Minderhei¬ tenschutz ernstgemeint, so muß demnach der Minderheit notwendigerweise die Möglichkeit zur Weitergabe ihrer Sprache und ihres Kulturgutes über Erzie¬ hung in der eigenen Sprache und Kultur gegeben werden. Elementares völkerrechtliches Minimum stellt insoweit, in engem Zusammen¬ hang mit dem menschenrechtlich geschützten Kern des privaten und gesell¬ schaftlichen Gebrauches der Minderheitensprache, die Möglichkeit der rein pri¬ vaten bzw. gesellschaftlichen Selbstorganisation der Minderheit in Trägerverei¬ nen dar, die dann genossenschaftliche Zusatzbildungseinrichtungen in Ergän¬ zung zur staatlichen Schulausbildung betreiben. Dies war z.B. die Strategie der Basken im Abwehrkampf gegen die auf Zwangsassimilation zielende Schulpo¬ litik des spanischen Zentralstaates (siehe Kremnitz 1991, 16). Verbietet ein Staat derartige genossenschaftliche Zusatzschulen, oder behindert er sie massiv auf administrativem Wege, so vergreift er sich klar am menschenrechtlich ge¬ schützten Schutzgut der Vereinigungsfreiheit (auf die damit verbundenen Pro¬ bleme wird in einem späteren Abschnitt noch einmal zurückgekommen). Zugleich kollidiert eine derartige Politik aber auch mit dem aus dem menschen¬ rechtlichen Schutz des Privat- und Familienlebens folgenden Recht auf privaten Gebrauch der Muttersprache. Das hört sich nun wie eine Selbstverständlichkeit an, ist es aber leider nicht, wenn man sich die Praxis mancher europäischer Staaten wie der Türkei und Griechenlands ansieht (vgl. dazu Rumpf 1993, 491 f.; Filos 1994, 74 ff.). Einen logischen Schritt weiter gerät die grundsätzliche Freiheit der Selbstorga¬ nisation der Minderheit schon in eine gewisse Spannung mit allgemein aner¬ kannten staatlichen Prärogativen. Zwar wird man aus der Vereinigungsfreiheit auch ein Recht auf Gründung und Betrieb von minderheitenspezifischen Privat¬ schulen ableiten können; als private ,Ersatzschule1 (um unsere nationale Termi¬ nologie zu gebrauchen), also als Schule, deren Besuch von der staatlichen Schulpflicht befreit, muß eine derartige Einrichtung vom Staat aber nur aner¬ kannt werden, wenn sie gewisse Grundvoraussetzungen erfüllt. Wie diese Grundbedingungen aussehen, definiert der Staat im Prinzip aufgrund eigener Ordnungsvorstellungen in seinem nationalen Schulrecht (zum Problem der Schulaufsicht vgl. Marauhn 1994, 425 f.). 49