mentreffen. Die beiden Herrschaftsordnungen, unter denen entlang der Grenze ge¬ lebt wird, haben das Betragen der verwalteten Bürger geändert, indem sie ihre Situation änderten. Beide haben ihre Angehörigen zu Reaktionen erzogen, die von unterschiedlicher Struktur sind. An dieser Stelle muß der heutige Leser innehalten. Hat sich Johnsons kategorialer Rigorismus mit und nach dem Bau der Mauer geändert, ist er gegenstandslos ge¬ worden? Wohl nicht. Sein Text schärft sich; denn was in ihm noch undenkbar war, das gänzliche Abklemmen der Verbindungen, das ist mit dem August 1961 einge¬ treten - nur daß die S-Bahn weiterfuhr, noch kontrollierter, oder um Westberlin herum. Und die Beobachtung über das unterschiedliche Betragen der verwalteten Bürger ist eine Prognose, die über den Fall der Mauer hinaus Gültigkeit bean¬ sprucht. Läse man heute mehr Johnson, gäbe es weniger Unverstand über die Un¬ gleichzeitigkeit von politischen Verwaltungsmaßnahmen - und sei es zur Beförde¬ rung der Einheit - und von Bewußtseinswandel. Johnson versteht seine Bemerkungen nur gerechtfertigt durch den Umstand, daß diese zwei Städte einmal die Hauptstadt eines nicht geteilten Landes bildeten, und durch den Blick auf eine mögliche oder wünschbare Wiedervereinigung. Er sieht aus den Bedingungen des Themas verschiedene literarische Konsequenzen hervor¬ gegangen. Wo steht der Autor in seinem Text? Die Manieren der Allwissenheit sind ihm verdächtig, der göttergleiche Überblick eines Balzac sei bewundernswert, aber der lebte von 1799 bis 1850. Johnson sieht sich als Verfasser, der seinen Text erst erfinden und montieren muß: "Wie kann er dann auf hohem Stuhl über dem Spielfeld hocken wie ein Schiedsrichter beim Tennis, alle Regeln wissen, die Per¬ sonen sowohl kennen als auch fehlerlos beobachten, zu beliebiger Zeit souverän eingreifen und sogar den Platz tauschen mit einer seiner Personen und noch in sie blicken, wie er sogar selbst sich doch selten bekannt wird." Johnson schließt, er habe hoffentlich die Schwierigkeiten mit einem Bahnhof der Berliner Stadtbahn dennoch so beschrieben, daß man ihn sich ungefähr vorstellen könne. Man kann sich noch mehr vorstellen: daß nämlich dieser Text so angelegt ist in seiner Wirklichkeitserfassung, daß er selbst dann noch gilt, wenn sein äußerer Anlaß hinfällig wurde. Die Grenze ist auf eine Weise beschrieben, daß sie auch als absolut hermetische im Vorgang der Erzählung aufgehoben erscheint, nicht nur aufgehoben erschien, bevor sie noch durchlässig wurde. Ein einmaliger Vorgang der Dissimilation, nein, der Negation, noch vorab der politischen Realität. Dazu eine peinliche Erinnerung. In einem lexikalischen Standardwerk der Germanistik lesen wir: "Die derzeit im Westen geltende Freiheit für jede Form von 'Littérature engagée' läßt ein [...] divergentes Nebeneinander von Stilen gelten, von Zuck¬ mayer, Hochhuth und Peter Weiss bis zu der chaotische Züge aufweisenden Prosa¬ epik von Günter Grass' 'Blechtrommel' und Uwe Johnsons Grenz- und Mauerro¬ manen in ihrem komplexbehafteten Deutsch."12 12 Merker-Stammler ( 1977), Sp. 218 . 278