schreitenden Verkehrs bewirkte, wodurch Grenzstädte gesteigerte Zentralitäts¬ funktionen und überproportionale Umsätze im Handel erlangen konnten. So ist nicht zu leugnen, daß die Klage über die mit der Grenzlage verbundenen Nachteile wohl auch immer wieder eine beliebte Argumentationsstrategie war, um zusätzli¬ che nationale Anstrengungen und Solidarleistungen zur Förderung der vermeint¬ lich unterprivilegierten Grenzräume einzufordem2. Ohne hier die Problematik der Ambivalenz der Grenzlage zu vertiefen, kann si¬ cher festgestellt werden, daß die Entwicklung der Städte an der Grenze schon aus sicherheitspolitischen Gründen in besonderem Maß auch von nationalen Zielset¬ zungen, Erfahrungen und Denkmustem geprägt wurde. Das gilt vor allem für die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts, also für die Zeit, in der sich viele europäische Nationalstaaten im Zenit ihres Ansehens und ihrer politischen Macht befanden. Noch sehr viel stärker war die Einwirkung exogener Faktoren auf die Entwicklung der Städte, die durch eine Verschiebung der nationalen Grenzen ihre politische Zugehörigkeit wechselten. Hier beschränkte sich die nationale Einwirkung nicht auf sicherheitspolitische Maßnahmen, sondern hier galt es, die Gesamtheit der vielfältigen administrativen, wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Aktions¬ felder der betroffenen Kommunen in andere nationale Kontexte einzugliedem. Während die andauernde Grenzlage einer Stadt also eher ein kontinuierlicher Bestimmungsfaktor der Stadtentwicklung war, bewirkte die Grenzverschiebung und der damit verbundene Wechsel der nationalen Zugehörigkeit in der Regel er¬ hebliche Brüche, die die allgemeinen Rahmen- bedingungen für die Entwicklung der betroffenen Städte in fundamentaler Weise veränderten. Eine solche Zäsur prägte die Städte in Elsaß-Lothringen gleich in zweifacher Weise: Die Annexion von 1871 begründete ihre Zugehörigkeit zum Deutschen Reich, und nahezu fünfzig Jahre später wurden sie durch den Vertrag von Ver¬ sailles in den französischen Staatsverband zurückgeführt. Damit wurden sie genau in der Epoche, die in der Urbanisierungsforschung allgemein als Hochphase der Stadtentwicklung charakterisiert wird3, aus ihren vertrauten nationalen Bindungen gerissen. Dieser zweifache Wechsel der nationalen Zugehörigkeit hinterließ z.B. in der städtischen Bausubstanz deutliche Spuren, und das heute noch besonders in Metz und Straßburg vielfach erkennbare Nebeneinander von Straßen und Stadt¬ vierteln französischer und deutscher Prägung ist der steingewordene Ausdruck die¬ ser besonderen historischen Entwicklung. Aber auch einzelne kommunale Institu¬ tionen sowie die Verteilung lokaler Kompetenzen sind Relikte, die es in dieser Form nur in den Städten des ehemaligen Reichslands gibt. Im folgenden Text sollen die Auswirkungen dieser Grenzverschiebungen auf ein¬ zelne Aktionsfelder der städtischen Entwicklung dargestellt werden. Dabei ist vor allem zu fragen, ob die Entwicklung der größeren Städte in Elsaß-Lothringen eher durch Vorgaben zentraler Instanzen in Straßburg, Berlin oder Paris gesteuert 2 Vgl. Wirtschaft zwischen den Grenzen, S. 60-69. "5 Reulecke, Geschichte der Urbanisierung, S. 6f. u. 9. 240