Merkmale: 1. nicht flächendeckend, weil 2. strategisch bedingt. Falls die Quellen¬ lage nicht trügt, war die langobardische Siedlung im Nordteil des Trientiner Duka- tes, also nördlich von S. Michele all' Adige bzw. dem Becken von Mezzoco- rona/Salum zudem schwächer ausgeprägt als weiter südlich im Trientiner Kern- raum (Abb. 1-2). Diese Grunddisposition der Frühzeit scheint mir die wesentliche Ursache dafür gewesen zu sein, daß bei dem im langobardischen Grenzdukat ab¬ laufenden Akkulturationsprozeß, der ja auch sprachgeschichtlich die Auseinander¬ setzung zwischen Regionallatein/Romanisch und Germanisch miteinschließt, es nicht zu einer Germanisierung bzw. Langobardisierung kam. Grosso modo ist somit den Langobarden hier das gleiche Schicksal beschieden wie auch sonst in der italischen Langobardia: Sie werden zivilisatorisch und sprachlich romanisiert; Fedor Schneider formulierte schon 1929 ohne Kenntnis der Relevanz archäologi¬ scher Befunde trefflich so: "Die Romanisierung der langobardischen Arimannen führte zur Entstehung einer fast einheitlichen romanischen Bevölkerung innerhalb der Grenzen des Reiches von Pavia!"51. Da dies heute - auch interdisziplinär - au¬ ßer Frage steht, so kommt der Langobardia im Trentino auch keine mitentschei¬ dende Rolle zur Spaltung des romanischen Sprachblocks, d.h. des Bündnerromani¬ schen vom Zentralladinischen zu (Abb. 11)52. Einerseits fehlte eben - wie begrün¬ det - die hierzu notwendige Dynamik und andererseits reichte sie auch nicht weit genug nach Norden (Abb. 1-2 und 11). Daß sich an der romanischen Strukturierung im Trentino auch nach dem 7. Jahr¬ hundert künftig prinzipiell nichts mehr ändern sollte, liegt entscheidend an dem fehlenden 'Verklammerungseffekt' zu einem weiterhin ethnisch strahlungskräfti¬ gen germanisch-langobardischen Italien, was die dortige Langobardia zunehmend ab dem 8. Jahrhundert eben nicht mehr sein konnte, ein Zuzug in diesem Sinne folglich entfiel, dies ganz im Gegensatz zum bajuwarischen Eisacktal/Pustertal und Etschtal bis Salum (s.u.). Eine nachhaltige Veränderung dieser Konstellation war auch nicht (mehr) durch die zwischen 774 und 962 beachtliche Zahl nordalpi¬ ner Zuwanderer erreichbar, also durch fränkische und alamannische, aber auch bairische Adelige mit beträchtlichen vasallitischen Gefolgen, "vornehmlich Leute in hochpolitischer Funktion"53, Wichtig ist, daß diese fränkische Alpenpolitik nach 774 von Anfang an - wie zuvor bei der Installierung langobardischer Sied¬ lung - auf eine flächendeckende Ansiedlung verzichtete und im wesentlichen wie¬ derum auf politische Zentren, vor allem aber auf militärisch-strategisch wichtige Plätze beschränkt blieb (Schutz der Alpenzu- und -ausgänge) und - was noch wichtiger ist - diese fränkische 'Staatssiedlung' auch nicht nennenswert in den mittleren Alpenraum hereinreichte. Diese somit kontinuierende romanische Grundstruktur des Trentino wurde zwar punktuell und zeitweise, nicht aber grundsätzlich durch einen seit dem Ende des 51 Schneider, Entstehung, S. 66. 57 Anders: Pfister: Entstehung... des Zentral- und Ostalpenromanischen, S. 83. 53 Hlawitschka, Franken, Alamannen, Bayern, S. 22, 44fiF., bes. 96f. und passim; Schneider, Alpenpolitik, S. 43£F. 169