Eine historisch-politische Wertung des Vorganges kann nicht Sache diese kurzen Beitrages sein. Den erzwungenen Grenzübertritt als die „bedeutendste Aktion deutscher Arbeiter gegen das Hitlerregime“ zu bezeichnen4, ist sicher übertrieben. Die späte Erinnerung „Demonstrieren selbst für eine gerechte Sache bringt nichts“5, übersieht, daß ohne die Demonstration der Arbeiter die Ausgleichszahlung wohl nicht erreicht worden wäre und überzeichnet damit auch den Erfolg des Terrors von Partei und Gestapo. In dem zitierten Bericht von Mallmann-Paul heißt es im Zusammenhang mit den Unruhen beiläufig: „Eine Frauendelegation aus dem Warndt reiste zu Hitler, wurde aber nicht vorgelassen und kehrte unverrichteter Dinge zurück“6. Durch Zufall sind wir in der Akte des SD Saarbrücken über den Pfarrer von Lauterbach, Heinrich Schu7 8, auf das Vernehmungsprotokoll dieser Reise von zwei Frauen gestoßen, das so instruktiv nicht nur für die Vorstellungswelt der Bevölkerung dieser saarlän¬ disch-lothringischen Grenzregion ist, daß wir er hier im Volltext mitteilen möch¬ ten. Abschrift der Vernehmung der Ehefrau Franziska Panoram, Hausfrau, geb. 27.12.05 in Ueberherrn, wohnhaft in Lauterbach, Adolf Hitlerstr. 219. Zur Sache: Ich habe mich noch nie politisch betätigt. Wohl war ich und mein Mann von der Gründung bis zur Auflösung Mitglied der Deutschen Fronfi. Ich war abstimmungsberechtigt und habe von meinem Abstimmungsrecht Gebrauch gemacht. Mein Mann arbeitet seit 20 Jahren auf der Grube in Kreuzwald (Lothringen). Er gehört also auch zu den sogenannten „Grenzgängern“. Festgenommen wurde er nicht, wohl ist er meines Wissens in der Grenzangelegenheit vernommen worden. Es stimmt, daß ich am 27.2. 37 anlässlich der Feststellungen der Grenzangelegen¬ heit durch Beamte, mit den Beamten einen Zusammenstoss hatte. Der Zusammen- stoss ist auf meine Nervenkrankheit und meine Erregtheit zurückzuführen. Mein Mann hatte mir in Erkenntnis meiner Krankheit gesagt, ich sollte von der Grenze fortbleiben. Am Montag den 1.3.37 kam die Frau Kerner aus Lauterbach, deren Mann ebenfalls Grenzgänger ist, in meine Wohnung. Ueber die Vorfälle an der Grenze haben wir nicht gesprochen, weil dieses bereits vorher genügend erörtert worden ist. Frau Kerner fragte mich, was ich denken würde, was wir machen sollten, ob wir nicht zum Führer fahren sollten. Mit diesem Vorschlag war ich sofort einverstanden und 4 K. Bednareck, Die Gewerkschaftspolitik der KPD 1935-1939. Berlin-Ost 1969, S. 177. Zitiert nach Mallmann-Paul (wie Anm. 1). 5 Mallmann-Paul (wie Anm. 1) S. 378. 6 S. 375. Nach Deutsche Volkszeitung (Paris) vom 14.3.1937 und mündliche Aussage von 1985. 7 Landeshauptarchiv Koblenz Best. 662,6 Nr. 693. Für den Hinweis auf diesen Vorgang danke ich Herrn Dr, Peter Brommer. Über Heinrich Schu, 1928-1949 kath. Pfarrer von Lauterbach, möchte ich an anderer Stelle berichten. 8 Zusammenschluß der bürgerlich-liberalen Parteien, des Zentrums und der NSDAP zu einer „deut¬ schen Einheitsfront“, die bei der Volksabstimmung über das Saargebeit vom 13. Januar 1935 für eine Rückgliederung an Deutschland eintrat. 413