das Protokoll bei ähnlicher Gelegenheit dem Staatsoberhaupt des gastgebenden Landes die mittlere Position zuweisen45. Allerdings wird jedermann rasch erkannt haben, welche Wirkung die Dreierreihe in Verbindung mit Farbe und Größe der Pferde auf die Zuschauer haben würde: Der Neffe auf herausragendem weißem palefroi, der Kaiser und Wenzel auf kleineren und dunklen Pferden, die den König von Frankreich gleichsam als Über-Kaiser in dessen Hauptstadt eskortierten. Dieses schon dem Text von C abzulesende Bild hat der Maler der entsprechenden Miniatur übrigens noch zuungunsten der kaiserlichen Majestät variiert: Karl IV. reitet auf seinem kaum noch sichtbaren Roß im Hintergrund zur Linken des hoch aufragen¬ den Königs von Frankreich, während der Meister den kleinen König der Römer zur Rechten Karls V. plazierte. Die Angabe von C, man sei in Dreierreihen bis zum Palais Royal geritten, mag zwar der Realität entsprochen haben, aber es ist ebenso gut möglich, daß in C nur die wünschenswerte Ordnung dargestellt wurde, während M mit der Zweier- Formation die Realität reproduzierte, in der vielleicht der König von Frankreich als Gastgeber den protokollarisch unverfänglichen Platz zur Linken des Kaisers eingenommen haben mag. Abgesehen von M sprechen für diese Deutung des Berichts von C als einer protokollarischen Fiktion noch weitere Indizien. Als erstes kann die Erwähnung von Karls IV. Zögern genannt werden, zur Rechten seines Neffen zu reiten. Konnte irgendein Augenzeuge der Begrüßungsszene auf den Gedanken verfallen, eine solche Geste der Bescheidenheit wäre angesichts der Alternative - König Wenzel zur Rechten, der Kaiser zur Linken des Gastgebers - auch nur im Ansatz ernst gemeint gewesen? Außerdem stört bei der Lektüre dieses Textes die Penetranz, mit der sein Verfasser die Dreierordnung auch noch nach dem Passieren des Stadttores in der Grant Rue aufrecht erhält46, wobei deren Name einigermaßen irreführend ist: Die heute nach Saint-Denis benannte Straße war auch damals nicht mehr als eine schmale Gasse, in der drei nebeneinander einherziehende Pferde leicht scheu werden und ihre Reiter gefährden konnten47. M vermerkt ausdrücklich, das Pferd des Kaisers sei hier am Zügel geführt worden, und zwar von den Herren Charles de Poitiers und Bureau de la Rivière. Der folgende Satz wird ähnlich verstanden werden dürfen, daß nämlich die Herren Adam de Galonguet und Guillaume des Bordes das Pferd des Königs am Zügel leiteten. Vor diesen, so berichtet M, gingen der Herr von Coucy und mehrere andere Ritter, die dafür sorgten, daß die Leute den Weg räumten. Der Herr von Coucy wird auch in C erwähnt: Auch danach war Coucy neben einigen anderen, hier bei Namen genannten Herren für den freien Weg zuständig. Unmittelbar nach dieser Notiz nennt auch C die Namen der beiden Herren, die gemäß M das Pferd des Kaisers am Zügel geführt haben sollen, indes 45 Freundliche Auskunft von Dr. Heinrich Seemann, Protokollchef der Bundesregierung. Eine „Goldene Bulle“ zur Regelung von derlei Fragen gibt es nicht. 46 Chronique (wie Anm. 2), S. 221 f. 47 Die Entrée Karls V. in Paris hat Jean Fouquet dargestellt: Der König reitet allein auf die Porte St. Denis zu. Abbildung z. B. in R. CAZELLES, Nouvelle Histoire de Paris de la fin du règne de Philippe Auguste à la mort de Charles V 1223-1380, Paris 1972, nach S. 152. Vgl, allgemein: Les Entrées Royales françaises de 1328 à 1515, par B. GUENEE et F. Lehoux, Paris 1968 mit mehreren Abbildungen: Der König reitet dabei stets allein, abgesetzt von seiner Eskorte. 109