belegen hinlänglich, daß der Monarch diesen tieferen Sinn des Schlachtentodes durchaus verstand, seine volle Konsequenz jedoch scheute38. Die Bewertung dieser Haltung ist strittig geblieben. Gerhard Ritter beispielsweise, der Wilhelm II. auch wegen des von ihm selbst geschaffenen „Mythos der kaiserlichen Allmacht“ scharf kritisiert, läßt nur die nicht genutzte innenpolitische Konsequenz in des Kaisers Verhalten als Alternative gelten, wenn er meint: „Am würdigsten wäre noch das gewesen, was er selbst sich träumte: mit dem Degen in der Hand für die Verteidigung des Throns und Wiederherstellung der Ordnung zu fallen“39. Aber selbst für diesen verkürzten Legitimationsaspekt blieb dem zögern¬ den Kaiser keine Zeit, und so war es „alles andere als ein heroisches Ende der altberühmten Hohenzollerndynastie. Es war ein kampfloses Ausweichen und Verlöschen - so kampflos wie das Ende anderer Dynastien“40. Dabei läßt Ritter keinen Zweifel, daß er selbst den Schlachtentod des Kaisers als künstliche Heroisierung, als „militärisch völlig zwecklos“, als arrangierten „Kollektiv-Selbst¬ mord“ angesehen hätte, nicht aber als „patriotische Tat und darum von sehr zweifelhaftem moralischem Effekt“41. Man wird nicht allzu entschieden widerspre¬ chen wollen, doch bietet auch das 20. Jahrhundert hinreichend Beispiele dafür, daß die alte historische Erfahrung, die im Satze: exercitus facit imperatorem kompri¬ miert ist, weiterhin Gültigkeit beanspruchen kann, selbst in der Konsequenz einer Art Umkehrung. Insofern aber auch republikanische Staatsformen einem Element der politischen Zuspitzung auf eine Person Raum geben, könnten manche der so archaisch anmutenden Verhaltensweisen auch künftig bedeutungsschwer bleiben. Von dem skizzierten Bogenschlag sei zu Johanns des Blinden eigenen Erben zurückgelenkt. Als amerikanische Panzer am 10. September 1944 die Stadt Luxemburg erreichten, zogen unmittelbar hinter ihnen Prinz Felix (der Prinzge¬ mahl) und nur wenig später auch der luxemburgische Erbgroßherzog Jean in alliierter Uniform in einem Jeep in ihre Heimatstadt ein42 (Abb.4) und sicherten auch in dieser Form die Ansprüche ihrer Familie auf ein selbständiges Großherzog¬ tum. Johann den Blinden vergaß man ebenfalls nicht: Am 25. August 1946 wurde er mit großen militärischen Ehren von Kastei an der Saar nach der Stadt Luxemburg überführt43. Doch seinen Sarkophag in der Kathedrale verließ der einst so reiselustige König noch einmal, allerdings nur kurzfristig, als man ihn nämlich - selbstverständlich unter Erweisung militärischer Ehren - nach Prag zu anthropolo¬ gischen Untersuchungen flog, deren Ergebnisse 1980 publiziert wurden44. 38 Vgl. Wilhelm Michaelis, Zum Problem des Königstodes am Ende der Hohenzollernmonarchie, Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 13, 1962, S. 695-704; auch nachträgliche Äußerungen belegen das Dilemma, obwohl Wilhelm II. betonte: „Dreißig Jahre ist die Armee mein Stolz gewesen. Ich habe für sie gelebt und an ihr gearbeitet“, Kaiser Wilhelm II., Ereignisse und Gestalten aus den Jahren 1878-1918, Berlin 1922, S. 245(f.). 39 Gerhard Ritter, Staatskunst und Kriegshandwerk, Bd. 4, München 1968, S. 470. 40 Ebd., S. 469. 41 Ebd. 42 François Mersch, Luxemburg. Seine Dynastie, Bd. 2, Luxembourg 1982, S. 324f. 43 François MERSCH, Luxemburg. Seine Dynastie [Bd. 1], Luxembourg 1981, S. 328. 44 Emanuel VlCek, Jan Lucemburskÿ. Tëlesné Vlastnosti 10. teského Krale ve svëtle antropologicko lékarského prûzkumu, Praha 1980, passim (keine Seitenzählung), 92