letzter König und des Reiches letzter Kaiser bietet in gewisser Weise die Ausnahme. Nach Bismarcks Entlassung hatte der Monarch „seine ,Maison militaire*, das ganze Gefolge von General- und Flügeladjutanten, Generalen ä la suite der Armee und dem Chef des Militärkabinetts schon im Frieden zum kaiserlichen Hauptquartier* vereinigt und einem General als ,Kommandanten des Hauptquartiers* unterstellt“32. Diese Umgebung war Wilhelm II. vertraut, in ihr fühlte er sich wohl, und es wäre in gewisser Weise konsequent gewesen, wenn der Kaiser mindestens gegen Ende des Ersten Weltkriegs selbst an die unmittelbare Front zur kämpfenden Truppe gegangen wäre. Bereits im April 1917 hatte er, allerdings eher beiläufig, bemerkt, „er wisse, daß er um seine Krone kämpfen müsse“33. Am 21. Oktober 1918 beteuerte Wilhelm II. seinen Friedenswillen, bereit sei er „aber auch zu kämpfen bis auf den letzten Hauch und den letzten Hieb, wenn unsere Feinde es nicht anders wollen“34. Als seine Abdankung diskutiert wurde, um so die Dynastie, ggf. sogar die Monarchie zu retten, erklärte der Kaiser am 1. November 1918 im Großen Hauptquartier: „Die Idee, meinen unmündigen Enkel zum Kaiser und König unter einer Regentschaft zu machen, würde dem Vaterlande, das doch gerade jetzt die starke persönliche Mitarbeit der monarchischen Spitze bei der Neugestaltung der Dinge braucht, schweres Unheil bringen“35. Noch am 8. November äußerte Wilhelm II. die Absicht, „an der Spitze des Heeres die Ordnung in der Heimat wiederherzustellen“36. In einer Art mittelalterlicher Perspektive wäre allenfalls die innenpolitische Ausrichtung dieser Heerkönigsvorstellung bemerkenswert, und ähnlich verhält es sich mit dem „Königsopfer“, das am 9. November erbracht wurde, als Prinz Max von Baden als Reichskanzler die Abdankung des Kaisers bekanntgab, der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann fast zur gleichen Stunde die Republik ausrief und kurze Zeit darauf der Spartakist Karl Liebknecht die „Freie sozialistische Republik Deutschlands“ proklamierte37. In unserem thematischen Zusammenhang darf nicht unbeachtet bleiben, daß treue Befürworter der Monarchie dem Kaiser in düsteren Oktober- und Novembertagen angeraten hatten, den Schlachtentod zu suchen, ein tatsächliches „Königsopfer“ zu bringen: Würde er an der Spitze seiner Truppe fallen, so bliebe dem Kronprinzen die monarchische Führungsrolle erhalten; unmittelbar vor dem Abdankungstermin hieß es dann, wenigstens dem Sohn des Kronprinzen bliebe gegebenenfalls der dynastische Anspruch. Wilhelms II. - hier nur sparsam zitierte - Äußerungen 32 Gerhard Ritter, Staatskunst und Kriegshandwerk, Bd. 2, München 1960, S. 158. 33 Heinrich (wie Anm. 2), S. 455. 34 Wolfdieter Bl HL (Hrsg.), Deutsche Quellen zur Geschichte des Ersten Weltkrieges (Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte der Neuzeit, Bd. 29), Darmstadt 1991, S. 483. 35 Ebd., S. 488. 36 Der Weltkrieg 1914-1918. Im Aufträge des Oberkommandos des Heeres bearb. u. hrsg. von der Kriegsgeschichtlichen Forschungsanstalt des Heeres, Berlin 1944, Bd. 14, Die Kriegführung an der Westfront im Jahre 1918, S. 713f. 37 Henning Köhler, Geschichte der Weimarer Republik, Berlin 1981, S.14. Nicht diskutiert wird in unserer Skizze das Problem der Herrscherabsetzung, vgl. dazu Fritz KERN, Gottesgnadentum und Widerstandsrecht im früheren Mittelalter. Zur Entwicklungsgeschichte der Monarchie, Darmstadt 31962; Konrad BUND, Thronsturz und Herrscherabsetzung im Frühmittelalter (Bonner Historische Forschungen 44), Bonn 1979. 91