zur Eroberung Namürs war ihm nach dem Kreuzfahrertod Graf Philipps vom Elsaß 1191 auch der endgültige Zugriff auf Flandern gelungen8. Als Großgraf Balduin V. - in Flandern „VIII.“ - nun auch noch am 20. August 1194, und zwar unter Betonung seiner Stellung als Markgraf von Namür9, mit dem niederlothringischen Herzog Heinrich I. von Brabant (1190-1235) einen militärischen Bündnisvertrag geschlossen hatte, von dessen Kriegshandlungen neben dem abendländischen Kaiser und dem König Frankreichs10 nur der Fütticher Bischof ausgenommen sein sollte11, war Heinrich dem Blinden jede rein machtpolitische Restitutionsmöglich¬ keit verbaut gewesen12. Ohnehin hatte Flanderns neuer Graf Balduin IX. dieses Bündnis noch 1194/95 nachdrücklich erneuert und neben den obersten Lehnsherren gar nur seinen Vater Balduin V. - nunmehr wieder allein Graf vom Hennegau - ausgenommen13. Verblüffenderweise stellte sich gleichwohl heraus, daß Heinrichs des Blinden Erwerbspolitik auf die Dauer keineswegs nur vorübergehende Bedeutung behielt, anderseits aber ausgerechnet sein väterliches Erbe Namür, das mindestens in der 4. Generation im Besitz seines Hauses gewesen ist14, verlorenging15. Man könnte geneigt sein, diesen Sachverhalt mit der Art des jeweiligen Besitzrechts zusammen¬ zusehen; denn jene Besitzungen waren unterschiedlicher Provenienz: Die eigentli¬ che Grafschaft Luxemburg mit den Obervogteien der Abteien Echternach und St. Maximin vor Trier waren Reichslehen. Doch gleiches gilt für die eigentliche Grafschaft Namür und die Grafschaft Laroche, zu der die Stabloer Obervogtei zählte, während die Grafschaft Durbuy allodiales Eigentum war. Solches gab es allerdings auch im luxemburgischen und im Namürer Bereich16. Es erhebt sich die Frage, ob für die praktische Politik derartige Provenienzen bestimmend waren oder ob Territorialisierungstendenzen auch in Erbfällen dergestalt durchschlugen, daß möglichst mit quasi-geschlossenen Einheiten operiert wurde: Heinrich der Blinde hatte auf solche Weise im Winter 1182/83 seine Nachfolge zu regeln gesucht, und 8 Jean-Marie Cauchies, Hennegau, in: Lex. des MA. 4 (1989), Sp. 2131. 9 Ego Henricus, Dei gratia dux Lotharingiae, notum fieri volo ..., quod inter me et Balduinum, comitem Flandriae et Hanoniae et marchionem Namurci, pax facta est. . .; BOUQUET 18, 21879, S. 419 C, Sp. 1. - Hier und im folgenden stelle ich eingerückte Quellenstellen in Interpunktion und Großschreibung auf möglichste Verständlichkeit um. 10 Nur diese nennt Walter Prevenier, Graf Balduin VIII. von Flandern, in: Lex. des MA. 1 (1980), Sp. 1371. 11 Alphonse WAUTERS (Bearb.), Table chronologique des chartes et diplômes imprimés concernant l’histoire de la Belgique 3 (Académie Royale des sciences . .., Commission Royale d’histoire, Brüssel 1871), S. 33 mit den dort genannten Drucken, beispielsweise BOUQUET 18, 1879, S. 419 C-E. 12 Vgl. Prevenier (wie Anm. 10), Sp. 1371 mit Strubbe/Voet, 1960, S. 357f. 13 Walter Prevenier De oorkunden der graven van Vlaanderen, 1191 - aanfang 1206, Bd.2 (Koninklijke Academie van België, Koninklijke Commissie voor Geschiedenis: Verzameling van de akten der belgische vorsten 5 II), Brüssel 1964, S. 106ff., Nr. 45 zu 1194 XII 25/1195 XII 17, Rupelmonde - nahezu ohne Textanklang an den August-Vertrag von 1194. 14 STRUBBE/VOET (wie Anm. 2), S. 384. 15 Vgl. die beiliegende Karte über die luxemburgischen Territorien um 1250. 16 Jean SCHOOS, Le développement politique et territorial du pays de Luxembourg dans la première moitié du XIIIe siècle, in: Publications de la Section Historique de l’Institut Grand-Ducal de Luxembourg 71 (Luxemburg 1950), S. 30ff. - Joseph Goedert, La formation territoriale du pays de Luxembourg depuis les origines jusqu’au milieu du XVe siècle. Exposition documentaire ... Catalogue, [Luxemburg 1963], S. 49. 67