werkes - selbst, wenn es um die "Obrigkeits-Stadt” ging: "Car le développement de la ville moderne exige des plans et des projets dont l’exécution s’étend sur beaucoup d’années; il faut donc assurer la continuité des efforts et l’unité des vues, il faut mettre ces questions vitales au-dessus des luttes électorales et des changements parfois brusques de la composition des conseils municipaux."73 Als Peirotes das 1924 schrieb, war das nichts anderes als ein Plädoyer für den starken Mann74 nach Art seiner beiden Vorgänger Back oder Schwander an der Spitze der Stadt, zumal sie nun - beim Fehlen eines föderalistischen Systems - zusätzlich noch die Rolle eines Wider¬ parts gegen den Zentralismus zu übernehmen hatte. Neben der ambivalenten Kombination von modernen und traditionellen Strukturen in der Verfaßtheit der Stadt Straßburg unter deutscher Herrschaft dürfen allerdings die sehr stark personenbezogenen, und damit zufälligen Elemente ihrer Entwicklung nicht übersehen werden. Sie zeigten sich in der Anerkennung Backs als Bürgermeister 1886 (obwohl er der Stadt von 1873 bis 1880 aufoktroyiert war) und bei der nur 1906 möglichen (schon 1908, nach völligem Ausscheiden der SPD aus dem Gemeinderat, nicht mehr) Wahl des engagierten Sozialpolitikers Rudolf Schwander zu seinem Nach¬ folger. Solche Zufallskonstellationen verbanden sich mit strukturellen Veränderungen wie der Entwicklung der Administration zu einem arbeitsteilig organisierten kleinen Stab hochqualifizierter städtischer Verwaltungsbeamter, die wirtschaftliches und ju¬ ristisches Denken kreativ75 zu einem neuartigen Blick auf das Ganze der Stadt ver¬ banden. Gerade die SPD aber hatte von Anfang an diese beträchtliche Vermehrung der Zahl von besoldeten Beigeordneten betrieben.76 Es waren schließlich Erfahrun¬ gen aus dieser Arbeit im modern-bürokratischen Straßburg Schwanders, die etliche deutsche Oberbürgermeister in der Zeit der Weimarer Republik geprägt haben - Ale¬ xander Dominicus in Schöneberg, Kurt Blaum 1921-33 in Hanau -, und über den Bruch von 1933 hinaus bis in die Aufbauzeit der Bundesrepublik hinein. Der Anklang an Schwanders große Konzeption beim Straßburger "Großen Durchbruch" ist noch 1946 unverkennbar, als Kurt Blaum, nun Oberbürgermeister von Frankfurt/ Main, für seine zerstörte Stadt einen "gesunden Sozialismus der Bodenverwertung" forderte.77 73 Zitiert nach Jonas, Le bâtisseur, in: Richez u.a. (Anm. 47), S. 149-166, hier S. 151. 74 Erst nach 1918 dehnte, um ein anderes Beispiel anzuführen, die Fassadenkommission ihren Kampf gegen Reklameaufschriften auf das gesamte Stadtgebiet aus, vgl. ihr Rundschreiben v. 25.3.1920 an 45 Malermeister, AMS-AM, Div. V, 12/49. 75 Vgl. im Schreiben des Beigeordneten Emerich an Bürgermeister Schwander v. 3.6.1916 die Feststellung, man habe sich beim "Großen Durchbruch" von "verwaltungsmäßigen Förmlich¬ keiten" loslösen und "ein gewisses Quantum freien kaufmännischen Geistes walten lassen" müssen, AMS-AM, Div. C (Cabinet du Maire), 49/281. 76 Sozialdemokratie (Anm. 48), S. 16-18. 77 Kurt Blaum, Neugestaltung des Bau- und Bodenrechts (= Wiederaufbau zerstörter Städte. 4), Frankfurt/Main 1946, S. 12. 198