den "Gang nach Canossa" anzutreten und den von der Bahn geforderten Zuschuß zur Hafenverlegung zu bewilligen.49 Das Ergebnis der Gemeinderatssitzung war ein persönlicher Sieg des Bürgermeisters Kramer, der mit großem Einsatz um die Zustimmung der Gemeinderäte gerungen hatte und auf alle Fälle jede weitere Verzögerung vermeiden wollte. Das war keine dankbare Aufgabe gewesen. Wegen seines Nachgebens gegenüber den Reichsbehör¬ den wurden ihm auch herbe Vorwürfe gemacht. Kramer war nach Darstellung seiner Kritiker der "gefügige Bürgermeister", dem der "Mammonwunsch der Reichsbehörde einfach Befehl"50 war. "Widerlicher Byzantinismus"51 wurde ihm vorgeworfen. Die Ablehnung fand laut Pressemeldungen gerade bei der französischsprachigen Bevöl¬ kerung Unterstützung.52 Die Stimmung in der Stadt verschlechterte sich sehr. Wach¬ sendes Desinteresse an der Stadterweiterung,53 besonders auf seiten der alteingeses¬ senen Bevölkerung, war eine der Folgen. Erneut unter bewußtem Ausschluß der Öffentlichkeit versuchte die hartnäckige Stadt¬ verwaltung, doch noch Einfluß auf die Gestaltung der Bahnanlagen zu nehmen.54 Obwohl nicht erkennbar war, was der Stadtverwaltung Hoffnung auf Erfolg gab, hatte sich Stadtbaurat Wahn an den Hamburger Ingenieur Gleim gewandt und ihn veran¬ laßt, auf Grund einer Denkschrift Wahns eine Variante auszuarbeiten, die der Stadt weniger Schaden zufügen sollte.55 Eine Deputation aus Metz, darunter auch Wahn selbst, legte dann das sogenannte "Projekt Gleim" in Berlin vor,56 Es unterschied sich vom zweiten Entwurf der Reichseisenbahn vor allem durch die getrennte Lage von Güter- und Personenbahnhof. Der Güterbahnhof sollte südöstlich im Seilletal ange¬ legt, dadurch ein großer zusammenhängender Baukomplex nahe der Neustadt vermie¬ den und die Teilerhaltung des Hafens ermöglicht werden.57 Berlin zeigte Interesse,58 leitete das Gleim’sche Projekt an die Bahnbehörden in Straßburg weiter und sagte den Besuch eines Reichseisenbahnbeamten in Metz zu.59 Die Bereitschaft der Bahnbehörde, Gleims Vorschlag als Alternative zum eigenen Projekt zu akzeptieren, war vorhanden. Das zeigt auch die Tatsache, daß er bei der 49 Ebd. 50 "Lothringer Bürgerzeitung" v. 4. Aug. 1899. 51 "Lothringer Bürgerzeitung" v. 21. Nov. 1899. 52 "Le Lorrain" v. 24. Nov. 1899 und "Lothringer Bürgerzeitung" v. 10. Dez. 1899. 53 "Le Progrès de l’Est" v. 1. März 1900 u. "Gazette de Lorraine" v. 13. Mai 1900. 54 Gemeinderatssitzung v. 26. April 1900, Protokoll S. 118 u. "Le Messin " v. 11. Mai 1900. 55 Rede Wahns (Anm. 15). 56 Gemeinderatssitzung v. 10. April 1900, Protokoll S. 104. 57 Rede Wahns (Anm. 15) u. "Metzer Zeitung" v. 8. Aug. 1900. 58 Gemeinderatssitzung v. 26. April 1900, Protokoll S. 117. 59 Ebd. une fzung v. 8. Mai 1900, Protokoll S. 125. 169