Stefanie Woite Die Anlage des Bahnhofs in Metz im Spannungsfeld unter¬ schiedlicher Interessen von Einwohnerschaft, Stadtverwal¬ tung und Reichsbehörden (1898 - 1908) In den Rahmen der Erforschung moderner Stadtentwicklung im deutsch-französisch¬ luxemburgischen Grenzraum fällt die Untersuchung der Konflikte um die Metzer Bahnumbauten zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die traditionsreiche Garnisonsstadt Metz hatte 1871 mit der deutschen Annexion des Elsaß sowie des französischen De¬ partements "Moselle" ihre politische und militärische Zugehörigkeit gewechselt und eine neue Rolle im strategischen System der nun zuständigen Machthaber erhalten. Die deutsche Führung maß der militärischen Nutzung der Eisenbahn im Grenzgebiet eine besondere Rolle bei und verfolgte den entsprechenden Ausbau des dortigen Eisenbahnnetzes. Aus diesem Grund war eine rege Eisenbahnbautätigkeit zu erwar¬ ten. Darüber hinaus wurden die Städte des deutsch-französischen Grenzraumes zur Selbst¬ darstellung des expansiven deutschen Nationalstaats genutzt. Kaiser Wilhelm II., der die Reichsideologie verkörperte, war persönlich an der Gestaltung der elsässisch-lo- thringischen Städte interessiert.1 Der Wille der deutschen Regierung, die künftige Präsenz in diesem Raum zu manifestieren, wird gerade an Straßburg deutlich.2 Aber auch Metz hatte seine besondere Bedeutung durch seine Tradition als alte deut¬ sche Reichsstadt, die nun zur Fundierung der deutschen Angliederung des Grenzrau¬ mes instrumentalisiert wurde. In einer Zeit von ausgeprägtem nationalen Pathos bot es sich geradezu an, die Annexion von Metz als Rückkehr ins Reich zu feiern und sie somit angeblich zu legitimieren. Metz sollte nun deutsche "Modellstadt" werden.3 Der Herrschaftswechsel fiel in eine Epoche der sprunghaften militär- und verkehrstechni¬ schen sowie städtebaulichen Entwicklung und gab den deutschen Projekten eine neue Dimension. Die politische Durchsetzbarkeit wurde erheblich durch die Tatsache er¬ leichtert, daß im annektierten Gebiet die Eliten entweder nach Frankreich emigriert oder zur Bedeutungslosigkeit verurteilt waren. Durch das Zusammentreffen dieser Faktoren ergaben sich hier - wie selten sonst - günstige Rahmenbedingungen für die Umsetzung politischer und militärischer Konzepte des Kaiserreiches: Kaum ein Ge¬ biet eignete sich besser als die elsässischen und lothringischen Städte, Nationalismus, 1 Francois Roth, Metz et Nancy: le rôle des facteurs nationaux de 1870 à 1930, in: Urbanisme et Architecture, hrsg. v. François-Yves Le Moigne, Metz 1982, S. 173-195, hier S. 176. 2 Klaus Nohlen, Baupolitik im Reichsland Elsaß-Lothringen. Die repräsentativen Staatsbauten um den ehemaligen Kaiserplatz in Straßburg, (Kunst, Kultur und Politik im Deutschen Kaiserreich, Bd.l), Berlin 1981, S. 103-119. 3 Roth (Anm.l), S. 176. 159