Höhepunkt der Verständigung waren die Gedenktage im August 1909, sie wiesen weit über den lokalen und regionalen Rahmen hinaus. Aus Paris waren Vertreter der "As¬ sociation des combattants de Gravelotte et de l’armée du Rhin" zur Teilnahme an den französischen Feierlichkeiten in Mars-la-Tour angereist, um am Vortag in einer klei¬ nen Feier Kränze in der Gedenkhalle von Gravelotte niederzulegen, die die Inschrif¬ ten "A nos chevaleresques adversaires" und "A nos frères d’armes" trugen.110 Doch Noisseville hatte für die deutsche Verwaltung unerwartete Konsequenzen, da die Reaktionen der annektierten, durch die deutsch-französischen Spannungen natio¬ nalpolitisch stark sensibilisierten Bevölkerung nicht vorhersehbar waren. Im Vorfeld der nun jährlich wiederkehrenden Erinnerungsfeier in Noisseville am 29. August, Da¬ tum des Ausbruchversuches Bazaines aus dem belagerten Metz 1870, skizzierte die "Metzer Zeitung" schon 1909 die veränderte Situation mit folgenden Worten: "In den Schaufenstern einiger hiesiger Geschäfte hat heute wieder [...] das Spiel mit den fran¬ zösischen Farben begonnen zum Ergötzen zahlreicher Jugendlicher und der Landbe¬ völkerung. Die dabei fallenden Ausdrücke lassen aber doch erkennen, daß ein Teil des hauptsächlich junglothringischen Menschenschlages (sociétés) alles andere eher pflegt als deutsche Gesinnungen, [...] und daß es ein außerordentliches Wagnis ist, durch Gestattung solchen Aushanges an bestimmten Tagen, [...] Leidenschaften sich entflammen zu lassen, die unter dem Deckmantel der Ehrung der Gefallenen, die für ihr ’französisches’ Vaterland gefallen sind, im Geheimen wachgehalten werden".111 15 000 bis 20 000 Menschen begaben sich 1909 nach der Gedenkmesse in Noisseville zum französischen Denkmal, wobei die von Jean-Pierre Jean, dem Initiator des Denk¬ mals und Mitglied des "Souvenir Français", gehaltene moderate Gedenkrede von pro- französischen Manifestationen begleitet wurde.112 Die Diskussion um diese Feier¬ lichkeiten und um die Rolle des "Souvenir Français" gipfelte dann in einer vehement geführten Auseinandersetzung zwischen der "Metzer Zeitung" und "Le Lorrain".113 Der Bezirkspräsident betrachtete die Zeitungsattacken als übertrieben und hielt an seiner Grundüberzeugung fest, daß die einheimische frankophone Bevölkerung Nois¬ seville nicht als eine willkommene Demonstrationsmöglichkeit gegen das "Deutsch¬ tum" gestalte.114 Die Einweihung des französischen Denkmals bei Weißenburg, elsässisches Pendant zu Noisseville, am 17. Oktober 1909,115 brachte innerhalb der deutsch-französischen Beziehungen auf lokaler und regionaler Ebene wie auch der innerdeutschen Beur¬ 110 Metzer Zeitung v. 16. Aug. 1909, u. ADM, 12 AL 199. Jahresbericht der "Vereinigung" für 1909, S. lOff. 111 Metzer Zeitung v. 28. Aug. 1909. 112 Metzer Zeitung v. 30. Aug. 1909, darin auch Hinweis auf Anweisungen der deutschen Sicherheitskräfte, sich bei profranzösischen Sympathiebekundungen zurückzuhalten. 113 Metzer Zeitung u.a. v. 2. u. 3. Sept. 1909 u. Le Lorrain in der gleichen Zeit. 114 Roth (Anm. 84), S. 57. 115 Jean (Anm. 35), S. 28ff. 114