Wohnproblems ein zentrales Aufgabenfeld der sozialen Frage darstellte, und damit erhielt auch diese Untersuchung eine sozialreformerische Zielsetzung: "Eines der bedeutsamsten Erbteile, welche das zwanzigste Jahrhundert von dem neunzehnten übernahm, ist der weitere Ausbau der ’sozialen Frage’, die Fortarbeit an der Lösung jener Fragen, welche die Hebung der wirtschaftlich Schwachen bezwecken, und aus welchen sich gegenwärtig besonders die Lohnfrage und die Wohnungsfrage her¬ vorheben".4 Die Wohnungsenquete von 1905/6 Verfasser dieser in zwei Bänden publizierten Erhebung war die Ständige Kommission für Statistik, die Ende 1905/Anfang 1906 eine äußerst detaillierte "Häuser- und Wohnungsuntersuchung" in acht ländlichen bzw. industrialisierten Gemeinden des Luxemburger Landes mit insgesamt 23 Ortschaften durchgeführt hatte.5 Es handelt sich um den seltenen Fall einer Erhebung im Bereich von kleinen Ortschaften, die sich noch auf dem Weg der Entwicklung zur Stadt befinden, während die Sozialen¬ queten der Zeit sich - es ist darauf zurückzukommen - weit häufiger Mittel- und Großstädten zuwendeten. Die Tabellen in Band 1 umfassen meistens alle Ortschaften bzw. Gemeinden, wobei einerseits für verschiedene Bereiche nur ganz allgemein zwischen ländlichen und industriellen Ortschaften unterschieden, andererseits eine Aufteilung nach einzelnen Ortsteilen bzw. nach den einzelnen Straßen für eine beschränkte Anzahl von Frage¬ stellungen vorgenommen wird. In Band 2 werden die einzelnen Ortschaften und Gemeinden separat behandelt; bestimmte Ortsteile werden, im Gegensatz zu Band 1, systematisch eigens hervorgehoben. Die Kommission hatte zuvor sämtliche Häuser der Gemeinde auf der Basis eines zweiteiligen vorgedruckten Erhebungsformulars untersucht (Wohnungskarte, Abb. 1). Die dort gestellten Fragen sind den Fragestel¬ lungen in einer Reihe deutscher Studien sehr ähnlich.6 Schon 1903 hatte die Kommission erwogen, "der Wohnungsfrage überhaupt und der Arbeiterwohnungsfrage insbesondere näher zu treten" (HW1, S. 6). Im Staatsbudget für das Jahr 1905 waren 5000 Fr. für diese Untersuchung vorgesehen (HW1, S. 6). Es wurde hervorgehoben, daß das Medizinalkollegium sich im Mai 1905 gegen die Studie aussprach, "weil es in hygienischer Hinsicht keinen Vorteil davon erwarte, der nur durch polizeiliche Maßregeln zu erreichen sei" (HW1, S. 7). 4 Häuser- u. Wohnungsuntersuchung in den Gemeinden Differdingen, Düdelingen, Esch a. d. Alzette, Hollerich, Arsdorf, Mertert, Rodenburg und Klerf. Publikationen der ständigen Kommission für Statistik. Heft XVI. Erster Teil. Häuserstatistik, Luxemburg 1908; Heft XVIII. Zweiter Teü. Wohnungsstatistik, Luxemburg 1909 (im folgenden zit. als HW1 bzw. HW2); hier HW1, S. 3. 5 Zur Entstehungsgeschichte der Kommission s. Georges Als, Statistique et études écono¬ miques au Luxembourg. Histoire et problèmes, Luxembourg 1990 (Cahiers économiques 80), S. 25ff. 6 Siehe dazu weitere Informationen in den Schlußbemerkungen. 36