Joachim Jacob Vom Bauerndorf zum Industrieort - Neunkirchen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Bei der Betrachtung Neunkirchens im Zusammenhang mit Problemen der Stadtent¬ wicklung im 19. Jahrhundert ist zunächst der einschränkende Hinweis darauf ange¬ bracht, daß Neunkirchen zu den jüngsten Gemeinden mit Stadtrecht in der Region gehört: Erst am 23. Dezember 1921 wurden die Gemeinden Neunkirchen, Nieder¬ neunkirchen, Kohlhof und Wellesweiler vereinigt und der neuen Gemeinde die Stadt¬ rechte mit Wirkung zum 1. April 1922 verliehen.1 Damit ging ein innergemeindlicher Konflikt zu Ende, der fast 50 Jahre lang - seit 1876 - die Bürgerschaft, die Verwaltung wie auch den Gemeinderat beschäftigt hatte. Verwaltungsrechtlich war Neunkirchen also während des 19. Jahrhunderts keine Stadt, obwohl es bereits 1875 11197 und zum Zeitpunkt der Verleihung der Stadtrechte 1922 38000 Einwohner zählte. Eine erweiterte Definition des Stadtbegriffes, unter Einbezug z.B. sozioökonomischer oder städtebaulicher Kriterien, läßt es jedoch berechtigt er¬ scheinen, Neunkirchen als Vertreter des Typus der "Industriedörfer" der Saarregion, zu denen auch Völklingen und Malstatt-Burbach zu zählen sind, mit durchaus städte¬ typischen Problemen zu betrachten.2 Im folgenden Aufsatz soll versucht werden, die Phase der Frühindustrialisierung in Neunkirchen von etwa 1800 bis zur Mitte des Jahrhunderts zu betrachten. Es sollen einige Entwicklungslinien während der Frühindustrialisierung aufgezeigt werden, da in dieser Phase wesentliche Voraussetzungen der späteren Expansion geschaffen wurden. Der Schwerpunkt der Darstellung soll auf der wirtschaftlichen Entwicklung liegen, war es diese doch allein, die aus dem Bauerndorf Neunkirchen eine Gemeinde städtischen Charakters werden ließ. Die umfangreichste Publikation zur Geschichte Neunkirchens stammt aus dem Jahre 1955.3 Von zahlreichen Autoren bearbeitet und in ansprechender Aufmachung darge¬ boten, diente sie neben der Information auch der Stadtverwaltung zur Selbstdar¬ stellung. Neben der Beschreibung nahezu jeden Bereichs städtischen Lebens wird da¬ rin auch die historische Entwicklung Neunkirchens, z.T. anekdotisch, z.T. chronolo¬ gisch behandelt. Wesentlichen Raum in diesem historischen Teil nimmt die Phase der Hochindustrialisierung ein, die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts wird in einigen Abschnitten behandelt, eine Darstellung des Alltags oder sozialgeschichtliche Bezüge 1 Stadtverwaltung Neunkirchen (Hrsg.), Stadt Neunkirchen (Saar). Stadt des Eisens und der Kohle, Neunkirchen 1955 (Künftig: Stadtbuch), S. 165. 2 Rolf Wittenbrock, Industriedörfer und Verstädterung, in: Industriekultur an der Saar. Leben und Arbeit in einer Industrieregion 1840-1914, hrsg. von Richard van Dülmen, München 1989, S. 84-95. 3 Stadtverwaltung Neunkirchen (Anm. 1). 21