Verwaltung, welche die ökonomische Nutzung in den Vordergrund stellten, und ande¬ ren Kräften, die auf eine differenziertere und konstruktiv-aktivere Politik setzten. Der Bereich der Städteplanung und Denkmalpflege birgt, wie die Kurzbeiträge zeigen, Material, das von erheblicher allgemeiner Relevanz nicht nur für Wechselwirkungen zwischen beiden Ländern, sondern auch für die allgemeine Bewertung der Besat¬ zungspolitik beider Seiten ist. Wechselwirkungen und Interferenzen hingen in ihren Chancen wie in ihren Grenzen von vielfältigen Faktoren ab. Das Verhältnis Stadt-Umland, das Verhalten der Eliten, der Entwicklungsstand von Gewerkschaften, Parteien und Vereinswesen, die Wirt¬ schaftsstruktur, der Ausbau des Verkehrswesens und die demographische Dynamik der einzelnen Regionen und Städte gehören dazu ebenso wie der verfassungspoliti¬ sche Rahmen, die Gegensätze auf der nationalen Ebene oder das Eigengewicht technischer Entwicklungen vor allem im Bereich der modernen Leistungsverwaltung. Trotz aller Differenzierung im einzelnen ist jedoch deutlich, daß der deutsch-franzö¬ sisch-luxemburgische Grenzraum nicht nur eine trennende Funktion für das Verhältnis der Länder zueinander hatte, sondern in vielfältiger Weise zum Ansatzpunkt für gegenseitige Einflüsse und für die Annäherung zwischen den Ländern wurde. Die Literatur und die Sozialpolitik sind Bereiche, in denen dies besonders deutlich ist und an die hier nur als Stichworte erinnert sei. In der Literatur stehen dafür Namen wie Ernst Moritz Mungenast oder René Schickele.27 In der Sozialpolitik gelten Teile des deutschen Sozialleistungssystems des Kaiserreiches bis in die Gegenwart fort.28 Vor allem hat das deutsche Sozialversicherungssystem in der Zwischenkriegszeit das französische zwar nicht unmittelbar geprägt, aber durch die Rückgliederung von Elsaß-Lothringen nachhaltig auf seine Ausbildung und Weiterentwicklung eingewirkt; Abgeordnete aus Elsaß-Lothringen gehörten zu den wichtigsten Sozialpolitikern in der Chambre des Députés der Dritten Französischen Republik. Nach dem II. Weltkrieg förderten Beamte aus der ursprünglich deutsch geprägten Verwaltung Elsaß-Loth¬ ringens umgekehrt als Besatzungsbeamte in Deutschland Initiativen zu tiefgreifenden Reformen des deutschen Systems, dessen Schwächen - vor allem in der Orientierung der Leistungen an sozialen Schichten - sie aus eigener Erfahrung kannten.29 Die Stadtentwicklung im Grenzraum steht in ihren Interferenzfunktionen damit in einem breiteren Kontext, der gleichfalls erst ansatzweise erforscht ist. Sie bietet besonders vielfältige Beispiele, deren weitere Untersuchung nicht nur von regionalge¬ schichtlicher Relevanz ist, sondern auch eine Vertiefung der systematischen Problema¬ tik der Funktion von Grenzräumen für transnationale Vermittlungsvorgänge ver¬ spricht. 27 Vgl. auch Gerhard Schmidt-Henkel, Die deutschsprachige Literatur in Lothringen seit 1871 im historischen Prozeß, in: Zeitschrift für die Geschichte der Saargegend 38/39 (1990/91), S. 105-117. 28 Raymond Triby, Les Assurances sociales dans les départements du Haut-Rhin, du Bas-Rhin et de la Moselle. Naissance et évolution 1883-1984, Strasbourg 1985. 29 Rainer Hudemann, Sozialpolitik im deutschen Südwesten zwischen Tradition und Neuord¬ nung 1945-1953, Mainz 1988. 20