ebenso wie das Verhalten der lokalen Notabein und der Industriewerke aus auf die Ausgestaltung der Armenfürsorge, in der sich durch die Grenzlage und die Auswei¬ sung Armer aus Lothringen wiederum spezifische Probleme ergaben. Der Peripherie-Charakter des Grenzraumes barg neben den Problemen aber auch noch weitere Chancen. So hart die Lebensbedingungen unter Fremdherrschaft waren, so zeigt sich doch, daß die besondere Unabhängigkeit der Verwaltungen von öffentli¬ cher Kontrolle unter solchen Bedingungen auch Experimentierfelder für Neuord¬ nungsversuche ermöglichte. In den Berichten der Arbeitsgruppe Cohen/Frank wird dies sowohl für die deutsche Besatzung in Elsaß-Lothringen während des II. Weltkrie¬ ges wie für die französische Herrschaft im linksrheinischen Deutschland nach dem Krieg deutlich. Das Ende der Besatzungsherrschaften bezeichnete dann allerdings auch die Grenzen, die solchen auf eine scheinbare "tabula rasa" nach den Kriegszer¬ störungen gründenden Plänen gezogen blieben. Sie reichten von großangelegten, ein¬ ander konzeptionell vielfach entgegengesetzten Entwürfen für neue Städte (Cohen, Frank, Baudoui) bis hin zur Fabrikarchitektur (Voigt) und zur ländlichen Architektur (Hohns). Trotz der Fehlschläge vieler Planungen im einzelnen ist hier ein besonders interessantes Terrain erschlossen worden, auf dem deutsche und französische Initia¬ tiven sich ebenso gegenseitig verwoben wie funktionalistische, von Le Corbusier beein¬ flußte und der Heimatschutzarchitektur im Stile Schmitthenners verpflichtete Projek¬ te. Vieles von diesen Ansätzen ist in anderer Form nach dem Ende der Besatzungs¬ herrschaften auch weiter wirksam geblieben, von den Normungskonzepten bis zu be¬ stimmten Bauformen. Der Grenzraum erwies hier einmal mehr seine Funktion als Schmelztiegel und Vermittlungsraum, und dies gerade unter historisch besonders pro¬ blematischen und leidvollen Bedingungen. Für die französische Besatzungspolitik in Deutschland passen die von der Arbeits¬ gruppe erarbeiteten Ergebnisse zu einer aktiven Urbanisierungspolitik in Mainz, Saar¬ brücken, Saarlouis, Neunkirchen und anderen Orten in den Rahmen der jüngeren Forschung, die neben der bekannten Demontage- und ökonomischen Nutzungspolitik der Besatzungsmacht das Gewicht konstruktiverer Ansätze in der französischen Politik betont.26 Frankreich hat in seiner Zone nicht nur eine reine Revanche-Politik betrie¬ ben. Sondern zu seinem Ziel einer Sicherheit vor künftigen deutschen Angriffen ge¬ hörte auch der Versuch, Grundlagen für eine dauerhafte Zusammenarbeit zwischen beiden Ländern aufzubauen; vor diesem Hintergrund ist unter anderem der - auch fi¬ nanziell - hohe Stellenwert der Kulturpolitik in der französischen Politik zu erklären. Die Stadtplanung ist eine bislang so gut wie unbekannte, mit der allgemeinen Rekon¬ struktionspolitik eng zusammenhängende Facette dieser Politik. Die Denkmalpflege ist eine weitere. Christine Mengin zeigt in ihrem Beitrag das Dilemma der hochquali¬ fizierten zuständigen französischen Besatzungsbeamten zwischen Teilen der Militär- 26 Vgl. resümierend zum Forschungsstand beispielsweise Institut français de Stuttgart (Hrsg.), Die französische Deutschlandpolitik zwischen 1945 und 1949, Tübingen 1987; Franz Knipping, Jacques Le Rider u. Karl J. Mayer (Hrsg.), Frankreichs Kulturpolitik in Deutschland 1945- 1950, Tübingen 1987; Rainer Hudemann, L’Occupation française en Allemagne. Problèmes généraux et perspectives de recherche, in: Henri Ménudier (Hrsg.), L’Allemagne occupée 1945-1949, Brüssel 1990, S. 221-242. 19