laissez-faire-Liberalismus erst nach dem I. Weltkrieg stärker ausgestaltet, im Gegen¬ satz zur Modernisierung solcher Instrumentarien im deutschen Bereich seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert;9 damit wurden deutsche Stadtplanungen um die Jahr¬ hundertwende zum Vorbild für viele Länder, darunter das bislang eher französisch¬ belgisch geprägte Luxemburg. Unterschiede auch im äußeren Bild der Städte: Den seit dem Ancien Regime entwickelten, unter beiden Napoleons ausgestalteten großen Boulevards und Sternplätzen mit zentraler optisch-verkehrstechnischer Plazierung bedeutender historischer oder moderner Bauwerke - Stichwort Haussmannscher Städtebau - setzte die deutsche Stadtplanung seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert zunehmend den Rückgriff auf mittelalterliche Bau- und Raumformen, auf gebrochene Perspektiven gekrümmter Straßen und geschlossener Platzanlagen und auf kleinräumi¬ ge Einheiten innerhalb der Großstadt entgegen. Die Anlage der sogenannten Metzer Neustadt10 ist ebenso wie das Viertel nordöstlich des Straßburger Kaiserplatzes11 ein Beispiel dafür, wie die unterschiedlichen Prinzipien aufeinandertrafen und sich gegenseitig verwoben. Ausfallstraßen in Metz, seit alters als große Alleen angelegt, wurden im Zuge der südlichen Stadterweiterung perspektivisch und im Verkehrsfluß durch monumentale Gebäude gebrochen, denen ein ideologisch-programmatischer Charakter kaum abzusprechen ist: Die Ober-Realschule als Symbol der Germanisie- rungs-, das Marien-Krankenhaus als solches der Sozialpolitik. Ähnlich die auch in den Monumentalbauten (Bahnhof, Post) auf kleinräumige Perspektiven orientierte Anlage des Metzer Bahnhofsviertels. Künstlerischer Städtebau im Sinne von Camillo Sitte,12 wie Jean-Jacques Cartal ihn im folgenden erläutert, griff hier ineinander mit dem in Stein dokumentierten Herrschaftsanspruch des Deutschen Reiches im Reichsland El¬ saß-Lothringen. Für perspektivisch durch Krümmung gebrochene gehobene Wohn¬ straßen steht die Rue Salis in Metz ebenso als Beispiel wie die Savignystraße im Frankfurter Westend. Auch die Bauformen der Jugendstilvillen unterscheiden sich oft wenig voneinander; und die Türen der auf den Plänen von 1910 bereits eingetragenen Villen und Mietshäuser tragen häufig nicht ein Datum aus der Reichslandzeit, son¬ dern 1924 oder 1928: nach Überwindung der unmittelbaren Nachkriegsdepression 9 Wittenbrock, Bauordnungen (Anm. 7); Stefan Fisch, Administratives Fachwissen und private Bauinteressen in der deutschen und französischen Stadtplanung bis 1918, in: Jahrbuch für europäische Verwaltungsgeschichte 1 (1989), S. 221-262. 10 Jean-Jacques Cartal, Dominique Laburte, Paul Maurand, "Metz pittoresque": étude du plan d’extension de 1903, in: Urbanisme et Architecture en Lorraine 1830-1930, Metz 1982, S. 197- 213; dies., Les villes pittoresques. Etude sur l’architecture et l’urbanisme de la ville allemande de Metz entre 1870 et 1918, Nancy 1981; François-Yves Le Moigne (Hrsg.), Histoire de Metz, Toulouse 1986. 11 Zum Kaiserplatz selbst siehe die exemplarische Arbeit von Klaus Nohlen, Baupolitik im Reichsland Elsaß-Lothringen 1871-1918. Die repräsentativen Staatsbauten um den ehemaligen Kaiserplatz in Straßburg, Berlin 1982. Die Erforschung der weiteren Stadtplanung in Stra߬ burg nach 1871 steht noch in den Anfängen; vgl. im Überblick Georges Livet u. Francis Rapp (Hrsg.), Histoire de Strasbourg des origines à nos jours, Bd. IV: Strasbourg de 1815 à nos jours, Strasbourg 1982. 12 Camillo Sitte, Der Städtebau nach seinen künstlerischen Grundsätzen, 41909, Nachdr. Braunschweig u. Wiesbaden 1983. 14