Diese Vergleiche ließen sich beliebig und in allen Wirtschaftssektoren fortsetzen, und man erhielte im Trend immer mehr oder weniger das gleiche Ergebnis. Bevor auf die spezielle Situation an der Saar eingegangen wird, seien die Ursachen dieser Entwick¬ lung skizziert. Häufig werden Gründerboom und Gründerkrise, der Name deutet ja schon darauf hin, in einen unmittelbaren Zusammenhang mit der Reichsgründung gebracht; und ganz ohne Zweifel setzten der Sieg über Frankreich sowie die Einigung im Verein mit dem Bewußtsein um die neue politische Machtstellung eine Woge von Optimismus frei, die auch auf die Wirtschaft übersprang. Dies nicht von ungefähr, denn die Eingliederung Elsaß-Lothringens war volkswirtschaftlich gesehen ein Gewinn. Man denke an die leistungsfähige Baumwollindustrie und die Erzvorkommen, die freilich erst ein Jahrzehnt später durch das Thomasverfahren überragende Bedeutung gewan¬ nen.5 Die französische Kriegsentschädigung von 5 Mrd. Franken oder 4 Mrd. Mark zeitigte insofern positive Wirkung, als sie zu einem erheblichen Teil in die Schuldentilgung der öffentlichen Haushalte floß. Anleihen wurden zurückbezahlt, d. h. Vermögenstitel wurden liquide, und das Geld suchte nach anderweitigen Anlagemöglichkeiten. Selbst unsoliden Unternehmensgründern fiel es in diesem Klima leicht, Geldgeber aufzutun. Die Spekulation blühte, nicht zuletzt begünstigt durch die Liberalisierung des Aktien¬ rechts, welche die bis 1870 geltende landesherrliche Konzessionierungspflicht für Aktiengesellschaften aufhob. Darüber hinaus fand ein weiteres Quantum dieser Gelder via Entschädigungen, Pensionen und Bauvorhaben konsumptiv Verwendung und setzte ziemlich rasch eine Nachfragebelebung in Gang, die gleichfalls stimulierend auf die Wirtschaft wirkte. Schließlich als Ursache nicht zu vergessen, die Vollendung der im Zollverein begon¬ nenen wirtschaftlichen Einigung und mit ihr die Vereinheitlichung der Währung in Form der Mark sowie von Maßen und Gewichten.6 Überdies aber fiel die Reichsgründungszeit mit einer günstigen konjunkturellen Großwetterlage zusammen, die spätestens seit 1869 zunächst den Investitionsgüterbe¬ reich durch einen kräftigen Schub belebte, ein Moment, das nicht übersehen werden sollte. Im Vergleich zum Vorjahr nahmen das Eisenbahnstreckennetz 1869 um 43 % und der Roheisenverbrauch um rund 25 % zu.7 Insofern hemmte der Krieg erst einmal den wirtschaftlichen Aufschwung, staute ihn auf, freilich nur, damit er sich 1871 ff. um so ungestümer vor dem wesentlich 5 Zur Wirtschaft Elsaß-Lothringens vgl. M. Schlenker (Hg.), Das Reichsland Elsaß-Lothrin¬ gen 1871-1918, Frankfurt/M. 1931, Bd. 1. Die Kalivorkommen spielten erst seit 1904 eine Rolle. 6 Zum Vorgehenden vgl. H. Bechtel, Wirtschafts- und Sozialgeschichte Deutschlands; F. W. Henning, Die Industrialisierung in Deutschland 1800-1914, Paderborn 19763, S. 203 ff.; F. Lütge, Deutsche Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Nachdruck der 3. Auflage, Berlin 1979, S. 503 ff.; H. Mottek, Gründerkrise, S. 54 ff.; G. Stolper, Deutsche Wirt¬ schaft, S. 19 ff.; A. Sartorius von Waltershausen, Deutsche Wirtschaftsgeschichte, S. 243 ff., 261 ff. 271 ff. 7 H. Mottek, Gründerkrise, S. 53; W. Zorn, Zusammenhänge, S. 324. 116