Industrialisierung geprägt ist. Insofern sind die Bezugspunkte von Arbeiter- und Industriekultur unterschiedlich. Handelt es sich bei der Arbeiterkultur um eine schichtenspezifische Kultur, die das Denken, Verhalten und Handeln einer Großgrup¬ pe betrifft, umschreibt die Industriekultur eine schichtenübergreifende, primär durch Industrialisierung bedingte Kultur, die sowohl das Fabriksystem wie die Organisation der Gesellschaft, die Kultur der Bourgeoisie und der Führungsschicht wie die politische Ordnung umfaßt. Noch aber ist die Diskussion so in Fluß, daß wir hier nicht abschließend die ,Industriekultur4 definieren können. Nicht primär dieser Akzent, sondern die Komplexität des Themas zwingt mich zu einer Beschränkung der Fragestellung auf die saarländische Arbeiterkultur, die ja ein Produkt der Industriali¬ sierung des Saarraumes war. Über den Industrialisierungsprozeß an der Saar ist bisher beachtlich viel geforscht worden, wobei insbesondere an die Forschung der 20er Jahre erinnert werden muß. Sie war in mancher Hinsicht methodisch vorbildlich, und ihr intellektueller Stand wurde lange nicht mehr erreicht. Zwar wurde allgemein die Untersuchung der Arbeiterschaft selbst damals nicht ausgeklammert, aber nach 1945 sank das Interesse gleichsam auf den Nullpunkt und blieb dort selbst über die 70er Jahre hinaus, als schon längst die neue Sozialgeschichte sich intensiv der Erforschung der Arbeiterbe¬ wegung zuwandte. Dies betrifft sowohl die Erforschung einzelner Betriebe und Industrieregionen im allgemeinen wie auch die Erarbeitung der organisierten Arbeiter¬ bewegung, vor allem aber die Arbeiterkultur im besonderen, obwohl lange bekannt war, daß der saarländische Fall eine Besonderheit darstellt. So kam es, daß in der allgemeinen Diskussion über die Formierung der Arbeiterklasse, die Entwicklung einer sozialistischen Kultur und die Rolle der Arbeiterschaft in der bürgerlichen Öffentlichkeit saarländischer Erfahrungen und Besonderheiten nicht berücksichtigt wurden; dies ist umso bedauerlicher, da keine geschlossene regionale Gesellschaft so stark von der Industrialisierung und der Arbeiterkultur wie die saarländische Bevölke¬ rung geprägt wurde. Das Fehlen von Studien hat allerdings nicht nur einen Grund im schwachen bzw. mangelnden Interesse, sondern auch in der komplexen Quellensitua¬ tion, die nicht gerade zur Aufarbeitung einlädt, vor allem wegen der Schwierigkeit, narrative Quellen zum Arbeiterleben, insbesondere Äußerungen von Arbeitern selbst, ausfindig zu machen. Amtliche Quellen eignen sich nur bedingt zur Erschließung der Welt der Arbeiter. Einen ersten Vorstoß unternahm 1977 Peter Blickle mit seiner Studie über die „Lage der Dudweiler Arbeiter im 19. Jahrhundert“; dann folgte 1981 Klaus-Michael Mallmann mit seiner Arbeit über die „Anfänge der Bergarbeiterbewe¬ gung an der Saar (1848-1914)“ sowie Hans Horch mit seinem „Wandel der Gesell¬ schafts- und Herrschaftsstrukturen in der Saarregion während der Industrialisierung (1740-1914)“ und schließlich 1987 Horst Steffens mit seiner Untersuchung über „Autorität und Revolte. Alltagsleben und Streikverhalten der Bergarbeiter an der Saar im 19. Jahrhundert“. Wenngleich Mallmanns Arbeit das grundlegende Buch zur Arbeiterbewegung an der Saar wurde, wird die Arbeiterkultur im Saarrevier eigens nur in der Dissertation von Steffens thematisiert, und zwar in dem zentralen Abschnitt: „Arbeiterkultur: Zwischen obrigkeitlicher Bevormundung und kultureller Identität“. Während Horch den Arbeiter mehr oder weniger schlicht zur Marionette des Kapitals erklärt, ohne Eigenständigkeit und Kultur, der mehr reagiert als agiert, 72