kratie, lobten das eheliche Glück, die Sparsamkeit und den sozialen Sinn des Herrscherhauses.18 Das höhere Maß an Integration gerade auch der protestantischen Unterschichten scheint vorrangig den aus der Konfessionsverschiebung resultierenden Wahrneh¬ mungsformen und Lagerbildungen entsprungen zu sein, die jahrzehntelang ein prole¬ tarisches Selbstverständnis blockierten und dem preußischen Staat eine spezifische Loyalitätsbasis in der evangelischen Arbeiterschaft Zuwachsen ließen. Sie beruhte im wesentlichen auf der quer zu den Klassengrenzen verlaufenden Dynamik zwischen den beiden Konfessionen: Die Katholiken bildeten nunmehr zwar zahlenmäßig die Mehr¬ heit, aber die Protestanten waren politisch, gesellschaftlich und wirtschaftlich domi¬ nant. Diese sich gegenseitig begrenzenden Majoritätsverhältnisse brachten es mit sich, daß beide Lager sich jeweils partiell als Minorität empfanden und ein Gefühl ständiger Bedrohung entwickelten. Die Protestanten sahen sich plötzlich von Katholiken umzingelt, die Katholiken erlebten sich als einer evangelischen Oberschicht unterwor¬ fen. Diese negative Bezogenheit mit den ihr innewohnenden Momenten der latenten Spannung und der argwöhnischen Beobachtung, der Sensibilisierung durch Abgren¬ zung und der scharfen Scheidung von In-Group und Out-Group führte zur Intensivie¬ rung der jeweiligen Eigenheiten und zu den bis heute sprichwörtlichen Reibereien zwischen „Blooköpp“ und „Schwarzen“, die mit der Störung der Ottweiler Fronleich¬ namsprozession 1853 begannen,19 im Kulturkampf kulminierten und in der gesamten Wilhelminischen Ära mehr oder minder manifest auftraten. Die dem Saarrevier im 19. Jahrhundert eigentümliche Übereinstimmung sozialer Schranken und konfessioneller Grenzen erlaubte es, die Widersprüche der Klassenge¬ sellschaft in hohem Maß entlang der religiösen Differenzen zu interpretieren und häufig in den Formen des Glaubenskampfes auszutragen. Diese Verschiebung der Konfliktlinien behinderte einerseits die Bildung von Gewerkschaften, die Katholiken und Protestanten unterschiedslos organisierten, machte Kirche und Gemeinde für die Katholiken zu Gegenpolen von Betrieb und Herrschaft und ließ die Arbeiterbewegung zunächst als katholische Bewegung in Erscheinung treten. Andererseits machte die katholische Übervölkerung den Protestantismus an der Saar zur Oberschichtreligion, erleichterte den Protestanten die Identifikation mit den herrschenden Machtverhältnis¬ sen und erzeugte bei ihnen das Selbstwertgefühl einer staats- und zivilisationstragen¬ den Leistungs- und Bildungselite. Dieser Konsens, der Bürgertum und Beamtenschaft zusammenschweißte, zur Erosion der liberalen Verfassungsbewegung beitrug und die Borussifizierung der Region beförderte,20 bezog auch die evangelischen Unterschichten - nach allem, was wir wissen - bruchlos mit ein: Die alteingesessenen, zur protestantischen „Ureinwohner¬ 18 Vgl. Hans-Klaus Heinz, Pfarrer Adolf Fauth als Volksschriftsteller, in: Kurt Groth (Hrsg.), 200 Jahre Evangelische Kirche Gersweiler 1784-1984. Beiträge zur Geschichte der evangeli¬ schen Kirchengemeinde Gersweiler, o.O. 1984, S. 156-179; Rudolf Saam, Die evangelische Kirche an der Saar in den Jahrzehnten sozialer Veränderungen nach 1850, in: Die Evangeli¬ sche Kirche an der Saar, S. 229-246. 19 Berichte LHA Koblenz Best. 442/Nr. 6474 und 3603. 20 Für das Saarbrücker Bürgertum vgl. Wilfried Loth, 75 Jahre Großstadt Saarbrücken, in: Saarheimat 28 (1984), S. 112-114. 62